Ukrainekrise rückt Flächenstilllegung neu in die Diskussion

14. März 2022

Kommentar von Landwirt Daniel Bölker aus Westenborken

Daniel Bölker auf einem Acker mit Winterweizen

Vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs rückt auch das Thema Versorgungssicherheit wieder neu in den Fokus. Hierzu hat der Westenborkener WLV-Ortsverbandsvorsitzende Daniel Bölker als Mitglieder der Autorengruppe der Social-Media-Initiative Borkener Landgeschichten einen vielbeachteten Kommentar verfasst, den wir hier ungekürzt wiedergeben:

Auch BoLa-Autor Daniel Bölker macht die aktuelle Situation in der Ukraine fassungslos. Im folgenden Kommentar zeigt der Borkener Landwirt einige kurz- und langfristige Folgen für die Versorgung mit Lebensmitteln auf. Seine Kernforderungen: #Flächenstilllegung aussetzen! Vorfahrt für #Versorgungssicherheit!

„Die Ukraine ist mit ihren besonders fruchtbaren Schwarzerdeböden einer der größten Getreideerzeuger der Welt. Durch den Krieg wird bis auf weiteres deutlich weniger qualitativ hochwertiges Brotgetreide die Ukraine verlassen können. Als Exportnation könnte das Land auf Jahre hin ausfallen – allein schon aufgrund der jetzt schon zerstörten Infrastruktur. Durch die zu erwartenden Engpässe bei der Rohstoff- und Energieversorgung wird auch Dünger knapp. Sinkende Erträge auch bei uns werden die Folge sein.

Uns selber in Deutschland wird das voraussichtlich „nur" durch höhere Preise treffen. Unsere Fähigkeit zur Selbstversorgung beim Getreide ist „noch" hoch genug. Die Hauptabnehmer für ukrainische Getreide-Exporte waren zuletzt afrikanische Länder und der Nahe Osten, wo die Mengen nun schlichtweg fehlen. Die Folge wird #Hunger sein. Politische Unruhen und neue Flüchtlingsströme sind vorprogrammiert.

Beim Gedanken daran habe ich als Nahrungsmittelproduzent das Bedürfnis, dagegen etwas zu tun. Tatsächlich steht aber ganz im Gegenteil zu befürchten, dass ich zukünftig deutlich weniger Lebensmittel auf meinen Ackerflächen produzieren kann als möglich.

Einer der Gründe: Die EU-Agrarreform mit dem sogenannten #GreenDeal, die ab 2023 greifen soll, sieht unter anderem vor, dass 4 % der Ackerflächen stillgelegt werden sollen. Auch die Ansaat von Blühmischungen oder andere aktiv biodiversitätsfördernde Maßnahmen sind auf diesen Brachen dann untersagt. Noch nicht einmal Begrünung, die Wildtieren und Insekten dienen würde, wäre dort zulässig. Darüber kann ich nur den Kopf schütteln.

Um es direkt klar zu stellen: Als Landwirt stehe ich zum Klima- und Umweltschutz und setze Maßnahmen hierzu auf meinem Betrieb auch gerne um. Aber der Gedanke daran, einen fruchtbaren Acker stillzulegen, während in anderen Teilen der Welt Menschen hungern, macht mich sauer. Schon vor dem Ukrainekrieg fand ich diese Regelung widersinnig. Seit Putin den Befehl zum Angriff gegeben hat, kann ich das nur noch „Skandalös!" nennen.

Die Ansaat von Blühmischungen oder andere Maßnahmen lassen sich auch noch nach der Getreideernte sinnvoll und biodiversitätsfördernd umsetzen. Wir Landwirte kennen unsere Flächen und wissen, wo man dort am besten Lebensmittel und wo man Schmetterlinge oder andere Insekten „produzieren" kann. Ich bin mir auch sicher: Wenn Klima- und Umweltschutzmaßnahmen unbürokratisch umsetzbar und auch wirtschaftlich attraktiv sind, werden auch sehr viele Landwirte mitmachen. Eine möglichst produktive Lebensmittelerzeugung und Nachhaltigkeit müssen gleichzeitig funktionieren.

Cem Özemir und andere Agrarpolitiker in der EU: Ich fordere Sie auf, die Zwangsstilllegung zumindest in Kriegszeiten auszusetzen. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach im Bundestag von einer #Zeitenwende. Dies hat auch Auswirkungen auf den Agrarsektor. Jetzt muss #Versorgungsicherheit an erster Stelle stehen."

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