Markus Weiß: "LEH führt verlogene Diskussion!"

25. Juli 2022

Klare Worte des Kreisverbandsvorsitzenden im Interview mit der Borkener Zeitung

Markus Weiß wirbt für eine Ausweitung der Herkunftskennzeichnung Richtung 5malD: "Ich glaube, dass dies Transparenz für die Verbraucher schaffen würde. Und eben nicht nur beim Steak an der Fleischtheke, sondern auch bei der Salami auf der Tiefkühlpizza. Die Verarbeitungsware macht nämlich 80 bis 85 Prozent der Gesamtmenge aus".

Die Borkener Zeitung (BZ) hat in der Ausgabe vom 16. Juli ein ganzseitiges Interview mit dem Vorsitzenden des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, Markus Weiß, veröffentlicht. Im Gespräch mit dem leitenden BZ-Redakteur Sven Kauffelt spricht der Schweinehalter aus Gemenwirthe über die Stimmung im Berufsstand, die Rolle des Einzelhandels und die Lage in Holland.

BZ: Herr Weiß, gibt es aus der Landwirtschaft aktuell auch gute Nachrichten?

Weiß: Die Getreideernte läuft einigermaßen gut. Das war's aber auch schon.

BZ: Warum ist die Stimmung in der Landwirtschaft so im Keller? Die Verbraucher sehen, dass die Preise für Lebensmittel immer weiter steigen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Weiß: Durch die gestiegenen Preise sind natürlich unsere Erlöse leicht gestiegen, aber längst nicht in dem Maße, in dem auch für uns die Kosten gestiegen sind. Hinzu kommt die große Unsicherheit, wo es politisch hingeht. Wir haben immense Unklarheiten, wie es in der Tierhaltung, aber auch im Ackerbau weitergehen soll. Wir wissen nicht, wie Landwirtschaft in ein paar Jahren auszusehen hat und ob das dann noch wirtschaftlich zu machen ist.

BZ: Wo landet die Gewinnmarge, wenn die Preissteigerungen nur zum Teil beim Erzeuger ankommen?

Weiß: Der große Gewinner ist der Lebensmitteleinzelhandel. Das war er immer schon, aktuell aber noch mehr als früher. Zwischen dem, was wir für ein Kilogramm Schweinefleisch bekommen, und dem, was die Verbraucher an der Ladentheke zahlen, liegen aktuell mehr als sechs Euro. In bisher schon sehr guten Jahren waren das rund 4,50 Euro. Wenn man dann sieht, dass sich die großen Ketten als Wohltäter hinstellen, indem sie die Fleischpreise senken, dann ist das das Geld, dass sie sich vorher schon dreimal in die Tasche gesteckt haben.

BZ: Was bekommen Sie als Landwirt aktuell pro Kilogramm Schweinefleisch?

Weiß: Jetzt sind es 1,85 Euro, da ist aber schon wieder Druck seitens des Marktes drauf. Wir müssten zwei Euro haben, um überhaupt kostendeckend arbeiten zu können. Denn neben den Energiekosten sind auch die Futterpreise gestiegen.

BZ: Wieso können die Erzeuger nicht, wie in anderen Märkten auch, die Preise diktieren?

Weiß: Das ist unser großes Dilemma. Uns wird gezahlt, was andere für richtig halten. Das ist seit Jahr und Tag unser Problem. Wenn wir sagen, wir nehmen jetzt zwei Euro fürs Schweinefleisch, dann kauft der Handel das im Ausland. Ganz einfach. Zur Wahrheit bei der Preisgestaltung gehört aber auch, dass der Fleischverzehr in den vergangenen Jahren rückläufig ist.

BZ: Ist die Angebotsmenge also zu groß?

Weiß: Eigentlich nicht. Nimmt man nur die Teile, die hier auch vermarktet werden können, könnten wir Deutschland selbst versorgen. Der Überschuss betrifft mehr oder weniger die Teilstücke, die wir nach Asien exportiert haben und die hier nicht verwertet wurden. Das war für uns ein willkommener Zusatzerlös. Der ist im vergangenen Jahr komplett weggebrochen.

BZ: Was verdient ein Landwirt an einem Schwein?

Weiß: Der Kurs, den wir vom Schlachtunternehmen bekommen, wird wöchentlich neu festgesetzt. Heute sind das, wie gesagt, 1,85 Euro. Nehmen wir eine glatte Zahl und rechnen mit 100 Kilogramm, also 185 Euro. Fürs Futter muss ich aktuell rund 100 Euro rechnen. Ein reiner Mastbetrieb muss außerdem das Ferkel zukaufen, da liegt die Grundnotierung bei 42,50 Euro. Mit Impfzuschlägen, Transport, Mehrwertsteuer und allem können wir mit 65 Euro rechnen. Bleiben also 20 Euro. Die verteilen sich auf Energie, Tierarzt, Stallkosten und so weiter. Und ein bisschen was möchte ich für meine Arbeit ja auch verdienen.

BZ: Wie lange steht das Tier dafür beim Mäster im Stall?

Weiß: Etwa dreieinhalb Monate. Berücksichtigt man, dass im Frühjahr statt 1,85 Euro nur 1,20 oder 1,30 Euro fürs Kilo gezahlt wurden und die Futterkosten eher bei 120 Euro lagen, dann hatte ein Schweinemäster in der Spitze pro Tier einen Verlust von 40 bis 50 Euro. Man kann sich ausrechnen, wie lange ein Betrieb das aushalten kann.

BZ: Solche Schwankungen gab es ja immer.

Weiß: Stimmt, das kenne ich auch gar nicht anders. Früher konnte man in besseren Jahren für die schlechteren vorsorgen und wusste, dass es dann wieder bessere Zeiten geben wird. Die erkennen wir aktuell aber leider nicht mehr. Das liegt einerseits am schrumpfenden Verbrauch, andererseits aber auch an steigenden Kosten für Umbauten und durch zusätzliche Auflagen. Zumal wir gar nicht wissen, was da noch kommt.

BZ: In punkto Auflagen ist zuletzt viel von Haltungsbedingungen und der Initiative Tierwohl die Rede gewesen.

Weiß: Die Initiative Tierwohl war eine rein marktgetragene Geschichte mit der Idee, dass der Lebensmitteleinzelhandel Geld in einen Topf zahlt, aus dem die teilnehmenden Landwirte einen Zuschuss pro Tier erhalten. Dafür mussten vorher vereinbarte Kriterien eingehalten werden. Da waren Investment, Zeitraum und Ertrag klar. Die Haltungsstufen, von denen jetzt die Rede ist, sind ein Vorstoß des Einzelhandels, die jetzt im Vorschlag des Landwirtschaftsministeriums nochmal modifiziert wurden. Da ist die Initiative Tierwohl nach langem Kampf eingeflossen.

BZ: Sind die Stufen ein tragbares Konzept?

Weiß: Das kann funktionieren, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Umbaumaßnahmen geschaffen werden. Ein Beispiel: Außenklima im Stall heißt, dass eine Seite offen sein soll. Das kollidiert aber mit dem Immissionsschutz. Stand jetzt wäre die Folge, dass das nur umsetzbar ist, wenn in weitem Umfeld keine andere Bebauung steht. In unseren bestehenden und bewährten Strukturen hier halte ich das für schwierig. Hinzu kommt: Es muss sichergestellt sein, dass die Betriebe auch höhere Preise erhalten. Woher soll das Geld kommen, wenn die Verbraucher nicht bereit sind, mehr zu bezahlen?

BZ: Aus dem Handel?

Weiß: Da bin ich skeptisch.

BZ: Also vom Staat?

Weiß: Ich bin der Letzte, der nach Geld vom Staat ruft, aber irgendwie müssten diese immensen Investitionen abgesichert werden. Ist dieser Umbau der Landwirtschaft gewünscht, dann muss man sich die Frage stellen, wie er auch dann zu finanzieren ist, wenn der Markt – sprich: der Handel – das nicht hergibt.

BZ: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hat als Ziele genannt, die Versorgungssicherheit der Menschen sicherzustellen und dem Klimaschutz eine größere Bedeutung beizumessen. Passt das zusammen?

Weiß: Ich finde, dazu gehört auch aufzuzählen, was seitens der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren im Klima- und Umweltschutz schon geleistet wurde. Da ist bereits enorm viel passiert. Natürlich kann man immer mehr machen, aber irgendwann ist die Schraube überdreht und die Produktion wandert ins Ausland ab, wo es die Auflagen so in der Art nicht gibt. Wir sehen es im Einzelhandel doch jetzt schon: Sind die Produkte aus Deutschland zu teuer, kauft man sie eben aus dem Ausland. Ich glaube nicht, dass dem Klimaschutz damit geholfen ist. Wir drehen uns immer wieder um dieselben Zielkonflikte.

BZ: Lidl als Beispiel hat doch angekündigt, nur noch komplett in Deutschland erzeugtes und verarbeitetes Fleisch zu verkaufen.

Weiß: Das ist eine verlogene Diskussion, die der Lebensmitteleinzelhandel da führt. Denn da stellt man sich werbewirksam mit hin und kauft gleichzeitig verarbeitete Produkte links und rechts im Ausland. Weil sie dort eben billiger sind. Was wir bräuchten, wäre eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, ob wir weiter landwirtschaftliche Produktion in Deutschland haben wollen und welchen Preis wir dafür bereit sind zu zahlen. Dem Handel kann man diese Entscheidung nicht überlassen. Denn am Ende geht es doch wieder nur ums Geld.

BZ: Würde die von der Landwirtschaft geforderte Herkunftsbezeichnung dabei wirklich helfen?

Weiß: Ich glaube ja, weil das Transparenz für die Verbraucher schaffen würde. Und eben nicht nur beim Steak an der Fleischtheke, sondern auch bei der Salami auf der Tiefkühlpizza. Die Verarbeitungsware macht nämlich 80 bis 85 Prozent der Gesamtmenge aus.

BZ: Wieso tun sich Landwirte nicht zusammen und vermarkten die Produkte gezielt regional?

Weiß: Eine Initiative dazu gab es vor Jahren mal, die ist aber gescheitert. So sind es Einzelbeispiele, die gut funktionieren, aber das klappt in großem Maße nicht. Die Masse der Verbraucher ist eben nicht bereit, mehr zu bezahlen, wie es immer wieder heißt.

BZ: International sind die Absatzmärkte Russland und China, in denen die heimische Landwirtschaft große Absatzmärkte gesehen hat, komplett weggebrochen.

Weiß: Ja, beide Länder sind, was Schweinefleisch betrifft, auf dem Weg zur Selbstversorgung. Russland hat das praktisch schon geschafft. Das ist kein Zukunftsmarkt mehr für uns.

BZ: Ein Blick in die Nachbarschaft: In den Niederlanden protestieren die Bauern. Sogar von einem Aufstand ist die Rede. Wo ist der Unterschied zur Situation der Landwirte hier?

Weiß: Der Schritt, der dort politisch geplant ist, ist so immens, dass er wirklich 30 Prozent der Betriebe die Existenz kosten könnte. Es geht um die Reduzierung der Stickstoffemissionen bis 2030 um 50 Prozent. Für viele Landwirte verschärfend ist die Auflage rund um Naturschutzgebiete. Hier sollen die Emissionen um 95 Prozent gesenkt werden. Dazu muss man wissen, dass bisher um diese Gebiete eine Grenze gezogen wurde und daneben wurde gearbeitet wie überall sonst. Es gab also keine Pufferzonen. Und: Holland hat eine drei- bis viermal so hohe Viehbesatzdichte wie in Deutschland. Das ist also nochmal ein ganz anderes Potenzial an Stickstoffdepositionen. In den sensiblen Randbereichen haben wir schon immer unsere Austräge herunterfahren müssen.

BZ: Also passiert dort in einem Schritt, was hier über Jahre entwickelt wurde.

Weiß: Genau. Da hat man erst spät hingesehen und dann sehr vehement reagiert. Nicht nur in der Landwirtschaft übrigens, es wurden über 18.000 Bauvorhaben gestoppt, auch das Tempolimit geht darauf zurück. Aber es wurde eben auch gesagt: Das wird auch die Landwirtschaft treffen. Und das passiert jetzt. Im Prinzip haben die Kollegen dort nur zwei Optionen: viel extensiver wirtschaften oder dichtmachen inklusive lebenslangem Berufsverbot. Das ist die nackte Existenzangst. Wenn drei Bauern zusammenstehen, wissen die: Einer von uns wird seinen Hof dichtmachen müssen.

BZ: Der Fehler aus Sicht der Landwirte liegt also darin, zu spät reagiert zu haben, so dass jetzt die Fallhöhe so immens ist?

Weiß: Im Prinzip ja. Dem Landwirt kann man ja nicht verdenken, dass er sich an bisher geltende Regeln gehalten hat. Man sagt ja nicht: Ich mache lieber weniger. Und jetzt siehst Du, dass alles den Bach runtergeht. Das ist brutal.

BZ: Ist die Situation mit Deutschland vergleichbar?

Weiß: Nicht direkt. Dort wird die Zahl der Höfe jetzt mit der Brechstange reduziert. Hier haben Markt und Politik das vor Jahren begonnen und führen das jetzt weiter. Der Effekt ist ähnlich und führt hier wie dort zu einem dramatischen Rückgang der Landwirtschaft.

 

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