Mitgliederbrief März 2016

24. März 2016
Mit diesem Mitgliederbrief informiert der Vorsitzende Dieter Hagedorn über Aktuelles.

Liebe Mitglieder,

ich habe mich noch nie so schwer getan, an Sie zu schreiben, aber ich empfinde  den öffentlichen Druck, unter dem unsere Wirtschaftsweise steht, gepaart mit der unerträglichen Erlössituation, nur schwer erträglich.

Die Frage ist, wie wir den Problemfeldern unserer Zeit begegnen und inwieweit  wir die Situation selbst erzeugt haben.

Wir alle sind Spezialisten in der Produktion und versuchen,  dem Preisverfall durch immer ausgefeiltere Produktionstechnik und Wachstum zu begegnen, getreu dem Denken: Stückkosten senken und Menge erhöhen.

Dabei haben wir den Kontakt zur Gesellschaft verloren. Oder auch umgekehrt? Wir können nur attestieren, dass unsere Produktionsweisen nicht mehr verstanden werden,  weil die Distanz zur Entstehung der Lebensmittel so groß ist wie noch nie.

Hinzu kommt, dass wir teilweise mit den veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht Schritt halten (Nachbaugebühr, Tiertransporte, Nährstoffproblematik, Gewässer).

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass der Berufsstand offen mit diesen Ängsten umgehen muss. Wir müssen akzeptieren, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen  (von gesetzlichen hin zu gefühlten Wahrheiten) uns nur eine Chance geben:

Wir müssen Lösungen aufzeigen, wie Landwirtschaft aus heutiger Sicht gesellschaftskonform und umweltverträglich arbeitet. Viel schlimmer, wir müssen begreifen, dass dies kein statischer Zustand ist, sondern ein höchst dynamischer Prozess wird.

Wenn wir nicht handeln, werden wir verhandelt.

Bitte nicht falsch verstehen.  Es geht nicht um eine Büßerrolle, sondern darum, aktiv zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verstehen, die sich Sorgen um Natur, Umwelt und  Ernährung macht. Genährt werden diese Gedanken von einer scheinbaren Meinungselite, die die Schemen der Presse gut bedient und Horrorszenarien schafft nach dem Motto: Landwirtschaft schädigt uns alle.

Es gibt vieles, auf das wir stolz sein können und auf das wir hinweisen können:

-        Gesunde Ernährung ist ständig möglich

-        Tiergesundheit ist uns wichtig

-        Nahrungsmittel sind von hoher Qualität

-        Wir haben die heutige Kulturlandschaft geschaffen

-        Wir sind aktiver Bestandteil der Energiewende

-        Wir denken langfristig, nachhaltig

Dieses sind nur einige Beispiele, vielleicht können wir es so zusammenfassen:

Ich bin gerne Landwirt, Aufgaben und Verantwortung sind mir bewusst.

Umso deutlicher müssen wir auf unsere eigenen Versäumnisse hinweisen und Lösungsmöglichkeiten suchen.

In Lippe haben wir gute Beispiele der Zusammenarbeit des Berufstandes mit Behörden und gesellschaftlichen Gruppen. Die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie ist so ein Beispiel, die Wasserkooperation vielleicht das erfolgreichste Modell.

Wäre es vielleicht möglich, dieses erfolgreiche Modell für die Oberflächenwasserproblematik zu nutzen, um durch intensive Beratung und kooperative Gespräche den Mitgliedern zur Seite zu stehen, wenn möglich bevor  Kontrollen anstehen und eventuell begleitend durch Bodenproben und Düngeplanung. Der Vorteil: Falls Veränderungen im Gewässer vorhanden sind, kann geschaut werden, ob es Veränderungen im Boden gibt, lassen sich Zusammenhänge darstellen, könnte frühzeitig gegengesteuert werden. Landwirtschaft ist kein Wasservergifter, sondern sie ist dem Schutz von Grund, Boden und Wasser verpflichtet.

Auch wir haben erkannt, dass die Zeiten zur Beseitigung von Substanzen über Gewässer, wie früher in unserer Gesellschaft nicht unüblich, lange vorbei sind. Wir sind froh über die sich entwickelnde Artenvielfalt.

Nebenbei erledigen wir so einen Teil unserer CC-relevanten Aufgaben.

Diese Neuanfänge sind eigentlich ein alter Hut, schon unsere Vorfahren haben ständig auf die Wünsche der Gesellschaft, verändertes Wissen und wirtschaftliche Notwendigkeiten reagiert. Unternehmerdasein ohne Wandel gab es noch nie.

Erfreut ist festzustellen, dass der WLV ebenso reagiert, sich mit der „Offensive Nachhaltigkeit“ dem Wandel stellt und gleichzeitig für und mit dem Berufsstand  dem Wandel einen Handlungsrahmen gibt.

Hier gehen wir von der Frage aus: Warum müssen wir uns verändern?

Die häufigsten Antworten von Berufskollegen waren:

-        weil unsere Art der Bewirtschaftung unsere Umwelt nachhaltig negativ beeinflusst

-        durch unsere intensive Tierhaltung und Nährstoffüberschüsse unser Grundwasser belastet wird

-        unsere intensive Tierzucht zu Lasten der Tiergesundheit geht

-        wir dem Wachtstumsdruck innerhalb der Familien nicht mehr gewachsen sind (Dauerüberforderung)

-        jedes Fehlverhalten sofort sichtbar ist ( Spritzschaden; Erosion)

-        wir das Gefühl haben, unsere Produkte sind nicht gewollt/nichts wert

Ich denke, dass diese kleine Auswahl sehr gut verdeutlicht, welcher Druck auf den Betrieben und letztlich auf den einzelnen Betriebsleitern lastet. Natürlich können wir mit:

„Was wollen die denn alle?“ oder

„Blödsinn, die sollten alle mal so viel arbeiten wie ich“

oder „die haben doch keine Ahnung!“ reagieren.

Leider ist das keine Lösung.

Auch ein „das haben wir schon immer so gemacht“

ist da wenig hilfreich. Wenn ich bei einer Geschwindigkeitskontrolle sage, hier bin ich immer schon zu schnell gefahren, führt das höchstens zum Verlust meiner Fahrerlaubnis.

Wir sollten uns einbringen, zu unseren Fehlern stehen, damit wir nach wie vor die Experten für Natur Umwelt und Tierschutz sind. In wirtschaftlich schweren Zeiten mag Ihnen das wie ein Tritt vor das Schienbein vorkommen. Aber wenn wir uns hier jetzt verweigern, wird der gesamte Berufsstand sein Ansehen und seine Glaubwürdigkeit verlieren.

Die von mir prognostizierte Folge wäre eine weitere Flut von Erlassen und Verordnungen, da uns die Zuverlässigkeit abgesprochen wird, die für den Umgang mit Natur, Umwelt und Mensch unerlässlich ist.

Ich verweise an dieser Stelle auf das Grundgesetz, das schon drastische Eingriffe zu Gunsten der Allgemeinheit auf das Eigentum zulässt.

Wenn es uns aber gelingt, in der Krise das Heft des Handelns wieder in die Hand zu nehmen, wenn aus uns als Getriebene wieder Handelnde werden, dann werden wir uns auch das Vertrauen erwerben, wo die Landwirtschaft Umweltgestalter und nicht Zerstörer ist.

Dieses hilft zwar nicht in der aktuellen wirtschaftlich schwierigen Lage, ist aber auch Grundlage für spätere Verhandlungen. Ein Produkt ohne Mehrwert ist auch nichts wert.

Liebe Mitglieder, gehen Sie offen mit Ihren Mitbürgern, letztlich Ihren Kunden um. Diskutieren Sie mit Ihren Vorständen, lassen Sie uns die Frage erörtern, zu was wir bereit sind.

Ich möchte betonen, es geht nicht um ein „sich anbiedern“, sondern um die vernünftige Diskussion, wie wir die Interessen der Gesellschaft (wir sind ein Teil davon) auf wirtschaftlich vernünftige Art umsetzen. Jede Art der Bewirtschaftung wird Kritiker finden.

Das ist nicht schlimm, solange wir uns offen damit auseinandersetzen und belastbar  argumentieren können.

Neue Gesetze verlangen viel von uns.

Hier ist die Aufgabe des Verbandes, hier sind Ihre Interessenvertreter unterwegs.

Zeigen wir, dass wir ein Teil der Gesellschaft sind, mit entscheidenden Qualitäten, dem Wohl der Menschen und der Umwelt verpflichtet.

Wir suchen und finden Lösungen, die dem einzelnen auch etwas abverlangen werden, die uns unser Wirtschaften aber erst ermöglichen.

Und letztlich: So meistern wir alle auch diese Situation.

Nun verstehen Sie vielleicht meine Eingangsworte: Ja, ich tue mich schwer, ja ich denke, wir müssen uns verändern.

Ich wünsche uns allen die Kraft, diesen Prozess positiv zu begleiten.

Welche Jahreszeit wäre geeigneter als das Frühjahr, wo Neues entsteht und heranwächst, um uns mit dem nötigen Optimismus zu stärken.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Ihr

Dieter Hagedorn

Vorsitzender

 

 

 

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