MRSA: "Infektionsrisiko nicht dem Zufall überlassen"

01. März 2012

Multiresistente Bakterien, die auch mit Antibiotika kaum noch zu behandeln sind, gehören derzeit zu den großen Herausforderungen der Medizin: Insbesondere der Methicillin-resistente „Staphylococcus aureus“ (MRSA) schreckt immer wieder durch Wundinfektionen und Blutvergiftungen mit teils tödlichem Ausgang auf: In Deutschland haben sich MRSA-Infektionen in den letzten Jahren verzehnfacht. Und auch die Landwirtschaft bleibt von diesem Keim nicht verschont. Über Ursachen und notwendige Verhaltensmaßnahmen sprach Dr. Alexander W. Friedrich, Oberarzt am Institut für Hygiene des Uniklinikums Münster und Leiter des deutsch-niederländischen Projektes EUREGIO MRSA-net. Twente/Münsterland vor dem Ausschuss des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Warendorf in den Räumen der Sparkasse Münsterland-Ost.

Infektion kann zu tödlicher Blutvergiftung führen

Eigentlich ist der Hautkeim MRSA, der überwiegend die Nasenschleimhaut besiedelt, ungefährlich. „Gelangt er aber in die Blutbahn, wird der Hautkeim zum Wundkeim und kann zur Blutvergiftung mit tödlichem Ausgang führen, weil er gegen die meisten Antibiotika resistent und somit kaum behandelbar ist“, so der Privatdozent. Besonders gefährdet sind Chronisch Kranke und Personen mit geschwächtem Immunsystem.

MRSA lässt sich in drei Gruppen unterteilen: Der „hospital acquired“ (HA-MRSA) verbreitet sich in Krankenhäusern: Schon durch einfache chirurgische Eingriffe, etwa eine Blinddarm-OP, kann der Keim von der Hautoberfläche in das Körperinnere gelangen. Die Folge sind meist schwere Krankheitsverläufe, aufwändige und bis zu 20.000 EUR teure Folgebehandlungen oder gar die Schließung ganzer Krankenhausstationen bei übermäßiger Ausbreitung des Keimes.

Der „community acquired“ (CA-MRSA) wird außerhalb der Krankenhäuser, beispielsweise in Schulen und Geschäften, verbreitet und birgt als Auslöser von Hautabszessen und Lungenentzündungen auch eine Gesundheitsgefahr für Gesunde.

Dritte Gruppe sind die „livestock associated“ (LA-MRSA), die Hobbytiere wie Pferd, Hund und Katze, aber auch landwirtschaftliche Nutztiere wie Schwein, Rind, Kälber und Geflügel befallen können. Dieser MRSA-Typ kann auch auf den Menschen übertragen werden, hat bisher jedoch nur selten zu Erkrankungen geführt. Gefahr droht allerdings, wenn dieser Personenkreis ins Krankenhaus geht und Operierte ansteckt oder selbst durch Einschleppung des Keimes in die eigene Blutbahn während einer Operation erkrankt.  „Über welche Wege die Übertragung des LA-MRSA von Tier zu Menschen stattfindet, wissen wir noch nicht genau“, so Dr. Friedrich. Der Mikrobiologe weist aber darauf hin, dass HA- und LA - MRSA gesunde Menschen nicht gefährden.

„Wir dürfen die Infektion mit MRSA nicht dem Zufall überlassen: Die Niederländer zeigen uns, das man das Problem in den Griff bekommen kann“, so der klinische Mikrobiologe. Tatsächlich liegt die Infektionsrate bei den Nachbarn unter 1%, in Deutschland dagegen bei 25 %. Erfolg brachte den Nachbarn der Einsatz von  Hygiene-Fachärzten in jedem Krankenhaus. Auch Deutschland beschreitet seit wenigen Jahren einen neuen Weg: Gemeinsam mit den Niederländern wurde das grenzüberschreitende Netzwerk „EUREGIO MRSA-net. Twente/Münsterland“ gegründet. Finanziell unterstützt durch die EU soll die Hygiene in Krankenhäusern elementar verbessert und Übertragungswege von MRSA weiter erforscht werden. Koordinierungsstelle in Deutschland ist das Institut für Hygiene des UKM Münster unter der Leitung von Dr. Alexander W. Friedrich. Die Erfolge sind bereits sichtbar: So werden Risikogruppen bereits vor Aufnahme in ein Krankenhaus per Nasenabstrich auf MRSA-Keime untersucht. „Zeigt dieses Screening MRSA-Keime, reicht eine einfache MRSA-Sanierung mit ausgewählten Medikamenten über zwei Wochen in der Regel aus, die betreffende Person und weitere Mitpatienten vor schlimmen Komplikationen zu schützen“, so der Mediziner. Tatsächlich zeigt das gesamte Münsterland inzwischen deutlich weniger MRSA-Fälle als der Rest der Bundesrepublik. 

Weitere Forschung erforderlich

„Virulenz und Übertragbarkeit des MRSA von landwirtschaftlichen Nutztieren auf Landwirte oder Veterinärmediziner sind noch nicht ausreichend erforscht. Wichtig ist jedoch, dass die Standard-Hygienemaßnahmen eingehalten werden“, betont Dr. Friedrich. Da Landwirte zu den Risikogruppen gehören, müssen sie vor einer Operation – sofern keine Notoperationen erforderlich ist – die MRSA-Sanierung absolvieren. Und auch als Besucher gelten Landwirte und Veterinärmediziner als Risikogruppen: Fühlen sie sich gesund, dürfen sie nach ausreichender Handhygiene, Kleiderwechsel und weiteren Standardmaßnahmen ins Krankenhaus. Haben sie jedoch selbst Infekte, beispielsweise eine Mittelohrentzündung, und werden oder wurden in den zurückliegenden Wochen selbst mit Antibiotika behandelt, sollten sie auf den Krankenhausbesuch verzichten: „Dann hat das Antibiotika in der Regel die meisten gesunden Keime auf der Haut getötet – nur MRSA ist übrig geblieben und tummelt sich in Massen auf dem ganzen Körper“, so der Fachmann. Dann birgt auch der Landwirt, der nur als Besucher die Klinik betritt, eine große Gefahr für die Patienten.
Im Kreis Warendorf werden Dr. Andreas Witte, Leiter des Kreisveterinäramtes, und Dr. Alexander W. Friedrich ein gemeinsames Infoblatt zum Thema MRSA erarbeiten.

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