Junger WLV diskutiert online mit MdB Daldrup

16. November 2020

Ohne Zweifel: „Die Landwirtschaft ist systemrelevant. Sie als Landwirte wehren sich, immer an der Klagemauer zu stehen und werden in dieser Forderung von Berlin ernst- und wahrgenommen. Die SPD bekennt sich zu einer wirtschaftlich stabilen und tragfähigen Landwirtschaft mit vernünftigen Einkommen und hält den Dialog für unverzichtbar. Aber wir brauchen auch eine Debatte, wie man Fragen der Umweltverträglichkeit, Soziales, Ökonomisches und Ökologisches, also Fragen der Nachhaltigkeit, zusammenbringen kann."
Bundestagsabgeordneter Bernhard Daldrup fand klare Worte bei der Online-Diskussionsrunde mit jungen Landwirten aus dem WLV-Kreisverband Warendorf. 16 junge Landwirte diskutierten mit dem heimischen SPD-Politiker über mögliche Maßnahmen, um wirtschaftliche Existenzen zu sichern und gleichzeitig das gesellschaftliche Ansehen zu verbessern.
Markus Overhues und Johannes Bühlmeyer hatten für diesen Abend die Themenschwerpunkte „Gesellschaftliche Anforderungen", „Marktsituation" und „Welthandel" in den Fokus gerückt.

Stillstand setzt den jungen Menschen zu. Und das Gefühl, nicht planen zu können. MdB Daldrup, Mitglied im Finanzausschuss und Obmann der SPD-Bundestagsfraktion für den Bau-Ausschuss, bekräftigt mit Blick auf das Baugesetzbuch: „Sie genießen Bestandsschutz und haben einen Anspruch auf Bestandsentwicklung. Allerdings nicht unendlich." Das wiederum birgt Probleme und jede Menge Unzufriedenheit, wie Anja Vogt betonte: „Früher riefen alle nach Abluftwäschern. Heute soll es der Offenstall sein. Wir brauchen Sicherheit, dass das, was heute richtig ist, morgen nicht falsch ist!" Kreisvorsitzender Hermann-Josef Schulze-Zumloh pflichtete ihr bei: „Die heutigen Forderungen nach Außenklimareizen in unseren Ställen zeigen eine Kehrtwende um 180 Grad."

Durch die Coronapandemie und den späteren Schlachtstau sowie den Ausbruch der ASP und die nachfolgenden Marktverwerfungen sind die Betriebe unverschuldet in wirtschaftliche Bedrängnis geraten. Schulze-Zumloh: „Wir fragen uns: Sieht die Politik das ein? Wird alles Nötige getan? Oder wird jetzt eher die Gunst der Stunde genutzt nach dem Motto, die Veredlungsdichte war immer schon ein Dorn im Auge und jetzt hat man den Schlüssel in der Hand?" Doch der SPD-Politiker ließ auch hier keinen Zweifel, dass die Politik die Landwirtschaft und ihre Infrastruktur umgehend als systemrelevant bewertet habe mit der Konsequenz, dass alle Förderprogramme auch für die Landwirtschaft abrufbar waren. „Es gibt keine Regierung in Europa, die für die Coronafolgen so viel Geld zur Verfügung gestellt hat." Konkret: Zwischen März und Juni haben 4.700 Antragsteller im Kreis Warendorf insgesamt 52 Mio. EUR abgerufen. Zusätzlich seien 65 Mio. EUR im gleichen Zeitraum in Kreditförderprogramm geflossen – die Überbrückungshilfen noch nicht eingerechnet. „Diese Gelder sind auch von der Landwirtschaft abgerufen worden", so Daldrup.

Aber: „Corona hat auch gezeigt, dass die Schlachtbetriebe miserabel mit den Menschen umgegangen sind. Die Politik hat weggeschaut. Die Landwirtschaft aber auch. Die Werkverträge sind mit den anderen Grundsätzen in der Landwirtschaft nicht vereinbar. Das werden wir ändern", so der Politiker.
„Unsere Ställe platzen derzeit aus allen Nähten", betonte Johannes Bühlmeyer. Daldrup: „Bis zum Jahresende werden wir einen Schlachtstau von 1,2 Mio. Schweinen haben. Wenn die ausgefallenen Schlachthöfe kurzfristig wieder auf 100 Prozent hochgefahren werden und man Kapazitäten in anderen Bundesländern organsiert, bekommt man das Problem in den Griff. Aber das Personal muss auch vorhanden sein. Und da kann die Lösung nicht immer von der Politik kommen. Ich bin nicht bereit zu akzeptieren, dass auf den Schlachthöfen wieder zu den gleichen Bedingungen gearbeitet wird wie in den letzten Jahren!", machte der Politiker unmissverständlich klar.
Als „groteskes System" bezeichnete Bernhard Daldrup den Preisabzug für zu schwere Schweine. Trotzdem müsse die Politik jetzt helfen: Schlachtkapazität auf 100 Prozent bringen, Mitarbeiter vernünftig bezahlen. Staatlichen Ausgleich gewähren, weil die Schweine eher da gewesen seien als die Pandemie. „Aber die Frage ist doch: Wie geht es jetzt weiter? Darauf braucht die Landwirtschaft eine Antwort. Ist es so abwegig, Schweinezucht wieder so zu betreiben, dass man Sauen hält und die Ferkel bis zur Mast im eigenen Betrieb belässt?" Nein, ist es nicht: „Das nennt man geschlossenes System. Das ist eine Stärke im Kreis Warendorf. Aber aufgrund der Bauvorgaben weigern sich viele Landwirte gegen den Umbau in der Sauenhaltung, sie werden diese beenden und die Schweinemast ausdehnen", so der Kreisvorsitzende und verwies auf die Zeichen der Zeit: „Derzeit werden 20 Prozent mehr Sauen geschlachtet und 8-10 Prozent weniger Sperma bestellt. Die Landwirte reagieren. Wir rechnen bis Anfang Januar mit Schlachtschweinestau und erwarten danach die Kehrtwende. Bis dahin müssen die Herausforderung gemeinsam gelöst werden. Aber wir haben auch Verständnis, wenn Sie sagen: Die Landwirtschaft kann nicht immer so weiter machen und in Notfällen Hilfe von der Politik verlangen," so Schulze-Zumloh.
Der SPD-Politiker betonte, keine Lösung auf dem Rücken der Landwirte durchsetzen zu wollen. Aber es zeige sich, dass unsere hochkomplexe Gesellschaft immer verletzlicher werde. Das zeige sich bei Landwirtschaft, Klimawandel, Datensicherheit. „Wir müssen schauen, wie unsere Gesellschaft in sozialen Zusammenhängen stabil bleibt. Und das gelingt uns nicht, wenn wir immer bei dem Motto bleiben: höher – schneller – weiter!", so der SPD-Politiker.

Für die Junglandwirte richtete Bernd Burbank das Augenmerk auf die EU-Wettbewerbsverzerrungen: „Wenn unsere Kostensteigerungen nicht durch Preisesteigerungen am Markt aufgefangen werden können, weil der Verbraucher nicht bereit ist, mehr zu zahlen, dann brauchen wir den Ausgleich von außen."
Daldrup: „Das ist eine Kernaufgabe. Agrarförderung muss sich an anderen Qualitätszielen ausrichten. Ich bin überzeigt, dass ein Anreizsystem besser ist als ein Verbotssystem." Der SPD-Politiker hält es für unverzichtbar, die Exportorientierung Deutschlands auf den Prüfstand zu stellen: „Gibt es keine Alternativen? Es ist doch erschreckend, wie gering die Produktionskapazität bei Gemüse ist. Welche Rolle spielen Regionalität und regionale Absatzmärkte?"
Seine eineinhalb-stündige lebhafte Diskussion mit den jungen Landwirten nutzt der SPD-Politiker für eine Einladung, um die Diskussion fortzusetzen: „Das war ein toller Gedankenaustausch mit Ihnen. Ich lade Sie herzlich ein: Kommen Sie nach Berlin!"

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