Hamsterkäufe braucht es nicht. Weichenstellungen schon.

13. April 2022

Genossenschaften und WLV zur Versorgungssituation bei Lebensmitteln

Rege Teilnahme am Pressegespräch zur Versorgungssituation bei Lebensmitteln. Foto: Stephan Wolfert, WLV

In Mitteleuropa spüren die Menschen die Auswirkungen des Ukrainekriegs neben der Flüchtlingssituation vor allem indirekt: Die Preise bei Energie und Lebensmitteln gehen durch die Decke, Supermarktregale sind bei einigen Grundnahrungsmitteln leergefegt und Meldungen laufen über den Ticker, dass sich der Welthunger verstärken wird. Den schlimmsten Befürchtungen für unsere Region entgegen treten konnten heute der Landwirtschaftsverband und zwei genossenschaftliche Agrarunternehmen im Westmünsterland bei einem Pressegespräch in Dorsten-Lembeck.

Dirk Breul von der gastgebenden „Raiffeisen Hohe Mark Hamaland" stellt in seiner Analyse der aktuellen Markt- und Versorgungssituation klar: „Die Bauern in der Region und die mit ihnen verbundenen Unternehmen sorgen zuverlässig dafür, dass die Regale voll bleiben und die Menschen genug zu essen haben." Sein genossenschaftlicher Geschäftsführer-Kollege Stefan Nießing von der AgriV unterstreicht dies: „Hamsterkäufe sind bei uns im Münsterland nicht nötig." Aber klar sei auch, dass die Märkte unter Druck geraten sind und die weitere Entwicklung den Experten Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Das kann auch nicht anders sein, denn Russland und die Ukraine sind bedeutende Produzenten und Exporteure wichtiger Agrargüter – allen voran bei Sonnenblumenöl, Gerste und Weizen. Allein bei letzterem machten beide Länder im letzten Jahr zusammen fast ein Drittel der globalen Exporte aus.

Ausbleibende Exportmengen fehlen zwar de facto erst im kommenden Jahr, wirken sich aber auch jetzt schon auf die Preise aus. Was nicht nur den Verbraucher bei Sonnenblumenöl & Co. trifft, sondern auch den Nutztierhalter bei den Futterkosten. Hohe Energie- und Düngerpreise verteuern dessen Produktion zusätzlich. „Vor allem solange die Kriegshandlungen in der Ukraine andauern, rechnen wir nicht mit einer Entspannung bei den Preisen", prognostizieren die beiden Agrarhändler übereinstimmend. Zunehmend eng werde es dann für die Landwirte bei der Verfügbarkeit von Dünger und Futter: „Das werden wir im nächsten Jahr noch schmerzhafter zu spüren bekommen", befürchtet Nießing. Daher sei es entscheidend, dass die Erzeugung von Lebensmitteln weiter systemrelevant und damit prioritär bleibt – auch in der Zuteilung knapper Energieressourcen, die es zur Düngerproduktion braucht.

„Wenn wir nicht ausreichend düngen können, sinken die Erträge", macht Heinz-Josef Elpers klar. Der Stellvertretende Vorsitzende des Borkener Kreisverbandes im Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) fordert vor diesem Hintergrund eine Neubewertung geplanter Verschärfungen für Ackerbauern: „Zusammen mit den immer weiter gedrehten Restriktionen unter anderem bei der Düngeverordnung, beim Pflanzenschutzmittel-Einsatz, ineffizienter Vorgaben zum Fruchtwechsel und der ab 2023 verpflichtenden vierprozentigen Flächenstilllegung könnte dies fatal wirken."

In dieser Diskussion kommt immer wieder der Lösungsansatz zur Sprache, dass eine Ver-ringerung der Tierbestände zu einer Verbesserung der globalen Ernährungslage beitragen könne. Die Landwirte im Münsterland und der Ruhrgebietsregion schütteln bei dem Gedanken den Kopf, so auch die Recklinghäuser WLV-Kreisverbandsvorsitzende Regina Böcken-hoff: „Die Bauernfamilien in unserer Region können durch reinen Ackerbau in der Regel kein ausreichendes Einkommen erwirtschaften. Zum einen sind unsere Betriebe hier mit durchschnittlich 35 ha etwa halb so groß wie der bundesweite Schnitt (63 ha/ Betrieb). Zum anderen lassen die überwiegend leichten Sandböden keine höheren Ertragserwartungen zu. So gehört die Tierhaltung im nordwestdeutschen Raum traditionell zur Landwirtschaft dazu."

Viele Flächen, vor allem Grünland, lassen sich nur durch Tierhaltung für die Lebensmittel-produktion nutzen, wie Milchbauer Johannes Thier anschaulich zeigen kann. Auf dem Futter-tisch seines Stalls findet das Pressegespräch seinen Abschluss. Dort hat der Landwirt einzelne Haufen mit den Bestandteilen seines Rinderfutters ausgebreitet: Von den dort eingesetzten sieben Futter-Komponenten ist nur eines (Körnermais) für den Menschen ohne wei-teres verzehrfähig. Alles andere (Mais- und Grassilage, Rübenschnitzel, Stroh, Mineralfutter und Rapsschrot) müssen vom Rind erst „veredelt" werden, damit es in Form von Fleisch und Milch auf dem Esstisch landen kann. Das meiste der für Tierfutter benötigten Bestandteile stamme zudem aus regionaler Erzeugung oder aus Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie, wie Dirk Breul ergänzt: „Gerade das Schwein ist in der Hinsicht der klassische Resteverwerter für Nebenprodukte aus der Lebensmittelindustrie, die sonst einfach nur weggeschmissen werden könnten, wie zum Beispiel Mehl aus Brotresten oder Haferschälkleie "

Aus diesen und anderen Gründen ist sich Milchbauer Thier sicher: „Die Nahrungsmittelproduktion ist mit Tierhaltung zuverlässiger, effizienter und auch nachhaltiger als ohne." Und auch die zunehmend erwünschte Regionalität von Lebensmitteln liefere gute Argumente, sagt Schweine- und Hühnerhalter Heinz-Josef Elpers: „Mit der Einbeziehung von Tieren schließen wir in der Landwirtschaft wichtige Nährstoffkreisläufe. Da erleben wir momentan auch einen Bewusstseinswandel in der Bewertung von Gülle und Mist. Die sind derzeit gefragt wie schon lange nicht mehr."

Die Aufgaben für die heimische Landwirtschaft seien enorm, fasst Regina Böckenhoff zusammen: Die Versorgung der Bevölkerung mit regionalen Lebensmitteln, gleichzeitig auch der Energiepflanzenanbau und das ganze unter nachhaltigen Gesichtspunkten hinsichtlich Tierschutz, Klimaschutz und der Förderung der Biodiversität. All das müsse seinen Stellwert haben, sagt die Lembecker Landwirtin: „Egal ob für Teller, Tank oder Trog: Als Landwirtschaft in einer Gunstregion können wir (fast) alles. Vor allem die Politik muss uns aber auch die Möglichkeiten dazu geben. Es braucht da nun schnelle, klare Bekenntnisse und Taten."

Presse-Kontakt

Pressegespräch Teilnehmer

Sieben Komponenten hat das Kuhfutter auf dem Hof von Johannes Thier in Lembeck (r.). Nur eine davon - nämlich Körnermais - wäre ohne weiteres direkt für den Menschen verzehrfähig. Alle anderen Futterbestandteile müssen erst von der Kuh "veredelt" werden, damit Sie in Form von Milch und Fleisch auf dem Esstisch landen können. Dies zeigen (v.l.): Regina Böckenhoff (WLV Recklinghausen), Heinz-Josef Elpers (WLV Borken), Dirk Breul (Raiffeisen HMH) und Stefan Nießing (AgriV). Foto: Stephan Wolfert, WLV

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