Wohin steuert die heimische Geflügelhaltung?
Wird die Geflügelpest zu einem Dauerproblem?
Was kann getan werden?

10. Februar 2022

Vogelgrippe-Richard Schulte-Christoph Gieseker-Ursula Heinen-Esser-Hans Rühmling-Hubertus Beringmeier-Christoph Rüther
Von links noch rechts: Richard Schulte-Christoph Gieseker-Ursula Heinen-Esser-Hans Rühmling-Hubertus Beringmeier-Christoph Rüther

Die Geflügelpest grassiert in Deutschland, auch in Ostwestfalen-Lippe. Dieses war Anlass für den Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) mit NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser und Geflügelhaltern aus der Region spezielle Geflügelthemen zu erörtern. Dieses Fachgespräch fand am Mittwoch (9.2.2022) auf dem Geflügelbetrieb von Richard Schulte in Delbrück statt.

Auf dem Geflügelhof Schulte, dessen Bestand im November letzten Jahres von der Geflügelpest betroffen war, wurde deutlich, wie begrenzt die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche sind. „Für uns hat die Biosicherheit höchste Priorität", erklärte Richard Schulte, „dennoch kann sie einen Bestand immer wieder erreichen". „Die Geflügelpest darf nicht zu einem Dauerproblem werden", untermauerte Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV). „Es müssen Lösungen gefunden werden, die nachhaltig zu einer Beruhigung führen". Die Impfung muss in der Europäischen Union zugelassen werden." In Frankreich würden ebenfalls derartige Forderungen erhoben und bereits Versuche durchgeführt.

Auch NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser äußerte die Sorge, dass die bisherigen Maßnahmen der Tierseuchenbekämpfung an ihre Grenzen stoßen. Es sei jedoch ungewiss, ob die EU-Kommission sich grundsätzlich auf die Zulassung von Impfungen einlassen würde. Die Bedenken der Kommission seien, dass sich trotz Impfungen Erkrankungen in Geflügelhaltungen weiter ausbreiten könnten, zudem würde Fleisch geimpfter Tiere von vielen Drittstaaten nicht akzeptiert. Heinen-Esser rief erneut dazu auf, die Hygienebestimmungen konsequent einzuhalten und Kontakte zwischen Wildvögeln und gehaltenem Geflügel wo immer möglich zu vermeiden. „Dies sind die wichtigsten Präventionsmaßnahmen. Zusätzliche Vorsorge bieten die in der gemeinsamen Erklärung vereinbarten Maßnahmen", betonte die Ministerin.

Nordrhein-Westfalen hat sich im Januar mit einer gemeinsamen Erklärung aller Beteiligten zur Verhinderung des Eintrags der Geflügelpest auf den Weg gemacht, mit konkreten Früherkennungsuntersuchungen sicherzustellen, dass positive Bestände rechtzeitig erkannt werden können und damit einer Weiterverbreitung der Erkrankung bestmöglich entgegengewirkt wird.

Das Für und Wider der Freilandhaltung mit Blick auf die Geflügelpest wurde ebenfalls diskutiert. Wildvögel sind derzeit die Haupt-Überträger der Seuche. Darin waren sich alle Beteiligten einig. „Einerseits gibt es den Trend hin zur Hobbygeflügelhaltung im Freien", so Christoph Gieseker, Geflügelhalter aus Rietberg, „anderseits überlegten Putenhalter in Niedersachsen, ihre Offenställe komplett abzudichten, um den Eintrag der Geflügelpest zu verhindern."

„Dem erforderlichen gesellschaftlichen Wandel hin zu einem mehr an Tierschutz auch im Geflügelbereich werde ich mich nicht entgegenstellen", so Ministerin Heinen-Esser. „Für offene Geflügelhaltungssysteme müssen flexible Lösungen geschaffen werden, um die gehaltenen Vögel vor einem Eintrag über Wildvögel zu schützen".

„Unstrittig ist, dass auch in der Geflügelhaltung der Tierschutz weiter an Bedeutung gewinnen muss", so Ministerin Heinen-Esser. „Mit Blick auf die Geflügelpest müssen daher für offene Geflügelhaltungssysteme flexible Lösungen geschaffen werden, um die gehaltenen Vögel vor einem Eintrag über Wildvögel zu schützen. Hier ist auch die Forschung gefordert."

Besondere Situation in OWL

Hingewiesen wurde weiter auf die besondere Situation der Geflügelzucht in Ostwestfalen-Lippe. Gerade in dieser Region würden Hühner- und Entenrassen für Hobbyhaltungen bzw. Kleinstbestände aufgezogen, die in ganz Deutschland nachgefragt würden. Dieses sogenannte „bunte Geflügel" läge im Trend und würde bei den Familien überwiegend im Auslauf mit kleinem Stall gehalten. Bei diesem Handelsweg mit einer breiten Verteilung des Geflügels in alle Teile Deutschlands müsse jedoch die Biosicherheit eine besondere Rolle spielen, ebenfalls die Transparenz und Nachverfolgbarkeit des Tierhandels seien sehr wichtig, äußerten anwesende Behördenvertreter.

Töten männlicher Eintagsküken: Verlagerung des Brutgeschehens ins europäische Ausland

Die Geflügelhalter wiesen auf ein weiteres die Geflügelwirtschaft belastendes Problem hin. Das Töten männlicher Eintagsküken ist aus Tierschutzgründen in Deutschland seit dem 01.01.2022 verboten. Jedoch fehlten nach Einschätzung der Geflügelwirtschaft bisher die praxistauglichen Alternativen. Die Geschlechtsdifferenzierung im Ei als Unterbrechung des Brutgeschehens bei männlichen Tieren sei noch nicht praxisreif. „Deshalb beobachten wir zunehmend eine Verlagerung des Brutgeschehens ins europäische Ausland, weil weibliche Eintagsküken zur Aufzucht als Legehennen dort günstiger gekauft werden können. Wollen wir das?", fragt Bauernpräsident Beringmeier. Dieses sei nicht zielführend.

Eine weitere Folge des Kükentötungsverbots: Schon jetzt fehlen die getöteten männlichen Eintagsküken als Futtertiere in zoologischen Einrichtungen und Falknereien sowie Greifvogelauffangstationen. Die fehlenden Futtertiere werden durch eigens für diesen Zweck gezüchtete Mäuse und Ratten ersetzt oder aber getötete Eintagsküken aus dem europäischen Ausland würden nach Deutschland eingeführt.

Zwar werde in Deutschland bereits die Aufzucht der Bruderhähne im größerem Rahmen durchgeführt. „Diese unwirtschaftliche Aufzucht der kaum Fleisch ansetzenden Bruderhähne muss allerdings durch einen höheren Verbraucherpreis für Eier finanziert werden, bringt es Dr. Herbert Quakernack, WLV-Referent für Geflügel, auf den Punkt. Das Zweinutzungshuhn mit einer guten Legeleistung und einer ansprechenden Mastleistung bei den männlichen Tieren sei zwar eine Alternative, aber leider am Markt derzeit nicht konkurrenzfähig, berichtete WLV-Präsident Hubertus Beringmeier. Ein Kükentötungsverbot auf europäischer Ebene könnte den derzeitigen Marktverschiebungen zu Lasten des Tierschutzes entgegenwirken.

Weitere Informationen:

„Gemeinsame NRW-Erklärung zu erweiterten Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung des Eintrags und der Weiterverbreitung der Geflügelpest"

Die Geflügelpest grassiert in Deutschland, auch in Ostwestfalen-Lippe. Dieses war Anlass für den Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) mit NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser und Geflügelhaltern aus der Region spezielle Geflügelthemen zu erörtern.

Presse-Kontakt

Daten werden geladen …

powered by webEdition CMS