„Wir sollten Hochachtung vor den Landwirten und ihren Familien haben“ „Grüne Kreuze“: Volle Kirche bei Bauerngottesdienst in Dielingen Landwirte fühlen sich an Rand der Gesellschaft gedrückt

07. November 2019

Die auf Feldern stehenden „Grünen Kreuze“ und die derzeitige Stimmung in der Landwirtschaft waren Thema in einem Bauerngottesdienst. Hintergrund waren auch die vielen Protestaktionen im Oktober in ganz Deutschland. Foto von links: Dominik Schmedt, Marc Gülker, Michael Schumacher, Joachim Schmedt, Rainer Meyer und Pastor Michael Beening.

An dem Abend entstand die Idee, das grüne Kreuz im Kreis Minden-Lübbecke von Kirche zu Kirche weiterzugeben. Foto von links: Dominik Schmedt, Michael Schumacher und Pastor Michael Beening.

Zu einem besonderen Bauerngottesdienst hatte der Pastor der St. Marienkirche Dielingen, Michael Beening, gemeinsam mit den Landwirtschaftlichen Ortsverbänden Dielingen und Drohne am Mittwoch (6. November 2019) eingeladen. Mehr als 250 Bauern, Bäuerinnen und Mitglieder der Gemeinde waren gekommen. Das Thema: Die überall zu sehenden „Grünen Kreuze“ am Wegesrand und die derzeitige Stimmung in der Landwirtschaft. Hintergrund waren auch die vielen Protestaktionen im Oktober in ganz Deutschland, aufgerufen durch die Bewegung „Land schafft Verbindung“, initiert vor allem von jungen Landwirten und Landwirtinnen. So fand auch ein Schlepperkorso im Kreis Minden-Lübbecke am 22. Oktober statt (organisiert von Dominik Schmedt, Mirko Schmale und Carolin Schöphörster).

Die Idee zu einem speziellen Gottesdienst und einem anschließenden Gedankenaustausch kam von Pastor Beening. Er hatte die Grünen Kreuze auf den Feldern gesehen und die örtlichen Landwirte nach diesem christlichen Symbol am Wegesrand gefragt. „Pastor Beening unterstützt seit dem Erntedankfest diesen stillen Protest mit einem grünen Kreuz in unserer Kirche“, erläutert Joachim Schmedt, Stemweder Gemeindeverbandsvorsitzender und stellvertretender Kreisverbandsvorsitzender Minden-Lübbecke bei seiner Begrüßung in der Kirche.

„Die Landwirte fühlen sich an den Rand der Gesellschaft gedrückt“, so Pastor Beening im Gottesdienst. Ob „bauernbashing“, „shitstorm“ in den sozialen Netzwerken oder Stimmungsmache in der öffentlichen Meinung – es sei einfach, den Bauern für alles die Schuld zu geben. „Wir haben ein gesellschaftliches Klima, in dem die Landwirtschaft für Vieles verantwortlich gemacht wird“, erklärt der Pastor. Da laufe doch etwas schief. Dass die Bauern täglich, 365 Tage im Jahr, auch an den Wochenenden, Feiertagen, für Nahrungsmittel in höchster Qualität sorgen, sei vielen leider in Vergessenheit geraten. Er fragt, warum sollen die Bauern, die auf eine gesunde Natur als Lebensgrundlage angewiesen seien, diese zerstören?“ Er höre und spüre: Die Zukunftsangst, die die Bauernfamilien umtreibe, sei groß. Dies merke er in den Gesprächen, vor allem mit den jungen Landwirten. „Wir müssen diese Sorgen ernst nehmen“, so Pastor Beening. Er sehe seine Aufgabe, die der Kirche, auch als eine seelsorgerische Aufgabe. Im Gottesdienst ging es um Suche, Halt und Mutmachen für die Zukunft. „Wir müssen einseitige Vorurteile und Feindbilder in der Bevölkerung abbauen“, so der Pastor in seiner Predigt. „Ihr Landwirte und Landwirtinnen seid unsere Freunde, Nachbarn - seid unsere Menschen, mit denen wir hier gemeinsam Leben, wir wollen Gespräche wieder möglich machen.“ Er sah ebenso die Verantwortung der Gesellschaft.

Verbraucher müssen auch gesprächsbereit sein

Er habe Hochachtung vor den Landwirten, ihren Familien und appelliert an die Gemeinde, Verbraucher und Bürger: Die Bauern signalisieren ihre Gesprächsbereitschaft, doch auch die Verbraucher müssten diese annehmen. Mehr noch, der Pastor unterstrich die Verantwortung der Konsumenten: Nur billig, billig könne nicht sein, hier müsse ein Umdenken erfolgen. Pastor Beening hatte den Bauern an dem Abend aus den Herzen gesprochen. Nach seiner Predigt wurde sogar applaudiert. „Das ist in meinen 26 Jahren noch nicht vorgekommen“, kommentiert Beening.

Grüne Kreuz geht durch den Mühlenkreis

An dem Abend entstand die Idee, das grüne Kreuz im Kreis Minden-Lübbecke von Kirche zu Kirche weiterzugeben. Joachim Schmedt: „Vielleicht kann dieser Gedanke verbunden mit einem Bauergottesdienst, sogar deutschlandweit weitergetragen werden.“

Beim anschließenden Gedankenaustausch macht Michael Schumacher, Ortsverbandsvorsitzender von Drohne, deutlich: Die heimische Landwirtschaft hätte es im globalen Wettbewerb mit Umweltdumping und Billiglöhnen nicht leicht. „Doch wir sind zu Veränderungen bereit, aber Vieles können wir nicht gleich von heute auf morgen stemmen. Entscheidungen und Investitionen hätten immer die Tragweite einer Generation. Leider seien politische Entscheidungen heute kaum planbar. „Wir sind nicht gegen Naturschutz, aber wir müssen unsere Familien ernähren können. Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen“, so Junglandwirt Dominik Schmedt. Doch die Politik mache gerade die kleinen und mittleren Höfe systematisch kaputt. „Wir sind es leid, wir wollen nicht mehr der Sündenbock für alles in der Gesellschaft und Politik sein“, unterstreicht der Junglandwirt. „Irgendwann ist Schluss.“

Dominik Schmedt machte an dem Abend zudem klar: „Wir sind unzufrieden damit, wie die Politik auf unsre Demonstrationen reagiert hat. Wir fühlen uns nicht gehört.“ Deshalb geht es weiter: Anlässlich der Umweltministerkonferenz (UMK) in Hamburg werden Landwirte am 14. November 2019 am Ort der Veranstaltung ihre Kritik an der aktuellen Politik deutlich machen und zum Dialog einladen.

Die Bauern wollen das Gespräch, den Dialog, das wurde auch am Mittwoch-Abend deutlich. „Wir möchten die Verbraucher und Bürger sensibilisieren, dass viele Höfe in ihrer Existenz bedroht sind und dass die Erzeugung regionaler Nahrungsmittel in Gefahr ist“, so Dominik Schmedt. „Wir sind gerne Landwirt und wollen es auch in Zukunft weiter sein!“ Damit erhielt er viel Verständnis, auch von den nichtlandwirtschaftlichen Teilnehmern des Abends.

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