"Wir haben ein Zeichen gesetzt!"

09. September 2015

Interview mit dem KV-Vorsitzenden Johann Prümers zur Demonstration in Brüssel am 7. September

Interview mit dem KV-Vorsitzenden

Johann Prümers

Frage: Herr Prümers, Sie haben sich mit einer Delegation von Landwirten aus dem Kreis am Montag auf den Weg nach Brüssel gemacht, um vor dem Europäischen Parlament zu demonstrieren. Hat sich dieser Aufwand gelohnt?

Johann Prümers: Ja, auf jeden Fall. Wir haben als Steinfurter Bauern gemeinsam mit unseren Berufskollegen aus Westfalen und darüber hinaus aus ganz Deutschland und der EU ein Zeichen gesetzt. Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte sind europaweit im Keller. Viele  Milchbauern und Mäster, insbesondere aber die Ferkelerzeuger auch bei uns im Kreis stehen mit dem Rücken zur Wand. Rund drei Milliarden Euro haben allein die deutschen Bauern in diesem Jahr schon verloren. Die Märkte sind durch das Russland-Embargo und die gesunkene Nachfrage in China regelrecht eingebrochen. Die Politik muss sich auf den Weg machen und für unsere Milchprodukte und unser Schweinefleisch nachhaltig neue Exportmärkte erschließen helfen. Der zweite wichtige Punkt ist, dass die EU die Leistung der Landwirtschaft als wichtigen Wirtschaftsfaktor inhaltlich anerkennen muss. Die dritte Baustelle ist die überbordende Bürokratie. Unsere Familienbetriebe haben ein nachhaltiges Bewusstsein. Da brauchen wir nicht noch mehr Auflagen und Verordnungen von oben.

Frage: Haben Sie denn mit Ihren Forderungen Gehör gefunden? Die Bilder, die über die Agenturen in die Medien gelangten, zeigten eher chaotische Zustände in Brüssel.

Prümers: Der Verkehr ist tatsächlich am Montag durch mehr als 2000 Traktoren in der Brüsseler Innenstadt fast zum Erliegen gekommen. So hatten auch unsere Busse große Schwierigkeiten, den Demonstrationsplatz zu erreichen. Über 6000 Bauern waren da, darunter allein drei volle Busse aus Westfalen-Lippe. Das war eigentlich eine eindrucksvolle Veranstaltung. Als unschön habe ich es aber empfunden, dass in der öffentlichen Wahrnehmung unsere Forderungen und Positionen fast in den Hintergrund getreten sind. Ich finde es schon grenzwertig, wenn wir als landwirtschaftliche Unternehmer auf die Straße gehen und dafür Polizeisperren errichtet werden müssen.

Frage: 500 Millionen Euro hat die EU jetzt für die Landwirtschaft zur Verfügung gestellt. Was haben die Bauern im Münsterland davon?

Prümers: Genau das ist die Frage. Ich habe die Sorge, dass die größte Unterstützung wohl in die baltischen und osteuropäischen Länder fließen wird und wir davon nicht viel erhalten werden. Wichtiger und nachhaltiger sind die politischen Signale. Wir haben durch den Protest bewirkt, dass die EU-Kommission eine Exportoffensive starten wird und hoffentlich auch ein Gespür entwickelt, dass die Bürokratie ein nicht mehr zu akzeptierendes Ausmaß erreicht hat.

Frage: Was sagen Sie denn dann Ihren Berufskollegen im Kreis, die auf die Demonstration in Brüssel große Hoffnungen gesetzt haben?

Prümers: Die Erfolge der Exportoffensive werden wir im Markt bald an steigenden Erzeugerpreisen spüren. Die Märkte werden reagieren. Wir sind in unserer Region absolut wettbewerbsfähig. Einen direkten politischen Einfluss auf die Märkte lehnen wir ab. Wichtig sind aber flankierende Maßnahmen. Dazu gehört der Kontakt zum Lebensmitteleinzelhandel, mit dem der Deutsche Bauernverband jetzt massive Gespräche führt. Der Lebensmitteleinzelhandel darf die Situation nicht noch weiter ausreizen und Lebensmittel zu Dumpingpreisen anbieten. Es kann nicht angehen, dass Milch billiger verkauft wird als Wasser. Lebensmittel haben einen Wert und der muss bezahlt werden. Was wir darüber hinaus brauchen, ist ein nationales Hilfsprogramm für die Landwirte. Das reicht vom höheren Bundeszuschuss für die Sozialversicherung bis hin zur vorzeitigen Auszahlung der Direktzahlungen als Liquiditätshilfe. Auch eine steuerliche Ausgleichsrücklage ist dringend erforderlich, um in einem guten Jahr Gewinne zu glätten, damit bei der Volatilität der Märkte unsere kleinen Familienbetriebe nicht gleich zusammenbrechen.

Was wir aber noch mehr brauchen ist die Solidarität der Gesellschaft. Und da appelliere ich an alle Bürgerinnen und Bürger im Kreis: Respektieren und schätzen Sie die Leistungen der Landwirtschaft im Kreis. Reden Sie mit den Bauern vor Ort. In den kommenden Wochen wird in vielen Städten und Gemeinden wieder Erntedank gefeiert. Vielleicht eine gute Gelegenheit. Und zeigen Sie beim Einkaufen, dass Sie bereit sind, für hochwertige, regional erzeugte Lebensmittel einen fairen Preis zu zahlen.

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