Ein Systemwechsel ist nicht in Sicht

26. Februar 2021

Wie man es dreht und wendet: Es passt einfach nicht. „Alle rufen nach Veränderung. Aber keiner will sie bezahlen. Das funktioniert nicht", so die beiden Landwirte Andreas Westermann aus Ennigerloh und Matthias Finkenbrink aus Freckenhorst, beide Vorstandsmitglieder im Landwirtschaftlichen Kreisverband.
Niedrige Preise, steigende Kosten, Auflagenflut, Bürokratieflut, Akzeptanzverlust, Importdruck durch Waren mit niedrigeren Produktionsstandards, dramatische Absatzeinbrüche durch ASP und Corona – Eine ganze Liste an Schreckensmeldungen. Jede einzelne eine Krise. Gebündelt eine Katastrophe. Harte Zeiten für die Landwirtschaft.
Der Verbraucher bekommt davon wenig mit: Die Regale im Lebensmitteleinzelhandel sind stets gefüllt. Auch im dritten Dürrejahr. „Bei uns in Flintrup hat die Hälfte der Vollerwerbsbetriebe in den letzten 10 Jahren dichtgemacht. Ende. Ställe leer. Deutschlandweit haben 70% der Ferkelerzeuger in den letzten 20 Jahren aufgegeben. Und der Strukturwandel ist noch nicht zu Ende", so Matthias Finkenbrink, selbst Ferkelerzeuger.
„Wir sind Dienstleister der Gesellschaft. Wir sind bereit, den Anforderungen von Gesellschaft und Politik nachzukommen. Aber bitte nachhaltig. Nicht heute so und morgen anders. Denn wir investieren enorme Summen in unsere Betriebe, um den hohen Standards, den politischen Anforderungen und auch den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Dafür brauchen wir Planungssicherheit. Wir können nicht alle 2 Jahre unsere Ställe wieder einreißen, weil es dann neue Vorschriften gibt. Wir bauen für die Zukunft. Wie diese Zukunft aussehen kann, müssen Politik, Handelspartner und Landwirtschaft gemeinsam planen", so Westermann.
Und wenn nicht? Dann schreitet der Strukturwandel immer schneller voran. Im Moment scheint das für viele kein Problem zu sein. Im Gegenteil: Politik und Gesellschaft wünschen offenbar den Systemwechsel. Aber ein Wechsel nach dem Motto „Mehr Leistung - ohne finanziellen Ausgleich", wird es nicht geben. „Wir sind Wirtschaftsbetriebe. Das würde kein anderes Unternehmen machen", so Westermann. Nein, der Systemwechsel wird ein anderer sein: Immer mehr Betriebe werden aufgeben. Obwohl der Nachwuchs hervorragend ausgebildet ist. „Wir Älteren fahren inzwischen auf Sicht. Aber die jungen Leute müssen Gas geben, Millionen in die Hand nehmen und in die Zukunft investieren. Dafür fehlt ihnen aber die Perspektive. Deshalb steigen viele aus dem Agrarbereich aus. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung", so Finkenbrink. Berufskollege Westermann stimmt ihm zu: Heute gebe es noch bäuerliche Familienbetriebe. Aber der Verwaltungsaufwand mache inzwischen fast 40 Prozent ihrer Arbeit aus. Die Anforderungen seien arbeits- und zeitintensiv. Das sei für Einzelunternehmen auf Dauer nicht zu stemmen. „Dann steuern wir auf Konzernstrukturen zu. Dann reden wir in 15 Jahren vielleicht von industrieller Landwirtschaft. Und beziehen einen Großteil der Ware aus dem Ausland mit Produktionsstandards, die heute bei uns verpönt sind. Ist ein solcher Systemwechsel wirklich gewollt? Oder sollte man mit den heutigen landwirtschaftlichen Strukturen nicht sensibler umgehen?", so Westermann und betont: Die heutigen landwirtschaftlichen Betriebe könnten die Anforderungen von Politik und Gesellschaft erfüllen. Aber die Preise müssten stimmen. Das gelte für alle Bereiche. Beispiel Insektenschutz: „Auch da sind wir aktiv", so der stellvertretende Kreisverbandsvorsitzende. Aber die Landwirtschaft verdiene auf dem Acker ihr Geld. Wenn der Bauer statt Weizen zu säen Blühflächen anlege, müsse das entsprechend bepreist werden. „Die Industrie wächst, Wohngebiete breiten sich aus, immer mehr Flächen werden versiegelt. Der Schaden, der verursacht wird, muss auch gesamtgesellschaftlich getragen werden", so Finkenbrink.

Die beiden landwirtschaftlichen Vorstandsmitglieder sind überzeugt: Mit einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis wäre ein vernünftiger Systemwechsel zu schaffen, der die Stärken der Landwirtschaft, nämlich gute Lebensmittel nach hohen Standards und gutem Tierwohl zu produzieren, mit den hohen Ansprüchen von Gesellschaft und Politik verbinde.

Dass Gesellschaft und Politik für einen solchen Systemwechsel aber offenbar noch nicht bereit seien, hat nach Meinung der beiden Vorstandsmitglieder die Tatsache gezeigt, dass Lidl mit seinem Vorstoß in genau diese Richtung schon nach wenigen Wochen gescheitert ist: Um dem Fleischdumping entgegenzuwirken, hatte der Discounter in einem Feldversuch sieben Wochen lang den Preis bei 10 Schweinefleischprodukten um 1 EUR pro Kilo angehoben. Das Ergebnis: Der Verbraucher ging zur Konkurrenz, die rieb sich die Hände und freute sich, statt auf den Zug aufzuspringen und ebenfalls einen Mehrwert an der Theke zu generieren. „Der Markt ist noch nicht zur Veränderung bereit. Eine größere Wertschätzung, auch für mehr Tierwohl, ist gesamtgesellschaftlich offenbar nicht gewollt", so Andreas Westermann. Ein vernünftiger Systemwechsel sei nicht in Sicht.

 

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Mit einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis wäre ein Systemwechsel zu schaffen. Davon sind die beiden Vorstandsmitglieder Matthias Finkenbrink (li.) aus Freckenhorst und Andreas Westermann aus Ennigerloh überzeugt.

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