Bernd Eichert bezieht Position | 27. Oktober 2026

„Weidehaltung schützt die Artenvielfalt, der Wolf jagt Nutztiere"

Mutterkuhherde

„Leiden freilaufender Herden wird ignoriert“

In der Siegener Zeitung von Samstag, 24. Oktober, erschien im Wittgensteiner Teil ein Interview mit dem NABU-Naturschutzreferenten Matthias Mennekes zum Thema Wolf. Bernd Eichert, Kreisverbands-Vize im Kreis Olpe und WLV-Wolfsbeauftragter, begrüßt zwar, dass Mennekes die Probleme des Herdenschutzes für die Tierhalter sehe, aber ansonsten den Wolf geradezu verherrliche. In dessen Aussage „Die Gesellschaft möchte den Wolf haben“ sieht Eichert eine Herabstufung des Leides der freilaufenden Herden und der immensen Ängste der Tierhalter in der Region. Zudem werde die naturschutzfachliche Bedeutung der Weidetierhaltung, die einen unverzichtbaren Teil zur Artenvielfalt beitrage, „mit Füßen getreten“.

Eichert weist darauf hin, dass der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) selbstverständlich den EU-weiten Schutzstatus des Wolfes akzeptiere, „sich seit Jahren aber für eine unverzügliche Entnahme von Problemwölfen einsetze“.

Lesen Sie hier die ausführliche Antwort von Bernd Eichert:

Wenn ich diesen Artikel der Siegener Zeitung lese, frage ich mich ernsthaft, ob Matthias Mennekes vom NABU überhaupt noch mitbekommt, was draußen im ländlichen Raum tatsächlich los ist.

Da wird wieder über Herdenschutz, höhere Zäune, Fördergelder und die angeblich so selbstverständliche Rückkehr des Wolfes philosophiert. Aber das eigentliche Problem scheint man beim NABU bis heute nicht begriffen zu haben.

Wolf ist gesellschaftlicher Konflikt geworden

Der Wolf ist längst nicht mehr nur ein Problem der Landwirtschaft und der Weidetierhalter. Er ist zu einem gesellschaftlichen Konflikt geworden, der mittlerweile tief in den Alltag der ländlichen Bevölkerung hineinreicht.

Ich erinnere nur an die Veranstaltung im Märkischen Kreis mit über 900 Menschen. Da ging es nicht nur um gerissene Schafe. Da ging es um Eltern, die Angst haben, ihre Kinder morgens an der Bushaltestelle stehen zu lassen. Um Menschen, die sich nicht mehr unbeschwert mit ihrem Hund in den Wald trauen. Um ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit vor der eigenen Haustür.

Tierhalter sollen aufrüsten

Und was ist die Antwort des NABU? Der Wolf gehört eben dazu, die Menschen müssen sich anpassen, die Tierhalter sollen aufrüsten und Abschüsse kommen möglichst nur als allerletztes Mittel infrage.

Wie weit muss man eigentlich von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt sein, um so zu argumentieren?

Soll sich eine ganze Region einem einzigen Wildtier unterordnen?

Soll sich tatsächlich eine ganze Region mit ihren Menschen, ihren Weidetieren, ihrer Landschaftspflege und ihren gewachsenen Lebensgewohnheiten einem einzigen Wildtier unterordnen?

Für mich ist der Wolf mittlerweile zur Monstranz bestimmter Naturschutzverbände geworden. Man trägt ihn wie ein Heiligtum vor sich her und wehe, jemand wagt es, die damit verbundenen Probleme offen anzusprechen.

Es geht nicht um Naturschutz, sondern um Ideologie

Ich habe immer stärker den Eindruck, dass es hier nicht mehr nur um Naturschutz geht, sondern um Ideologie, Deutungshoheit und die Frage, wer am Ende bestimmt, was die Menschen auf dem Land hinzunehmen haben.

Und gerade diese Verbände sollten vielleicht einmal ganz kleine Brötchen backen, wenn es um ihre angeblichen Erfolge im Naturschutz geht.

Artenvielfalt geht zurück

Seit Jahrzehnten werden Schutzgebiete ausgewiesen, Vorschriften verschärft, Pflanzenschutzmittel eingeschränkt und immer neue Auflagen geschaffen. Und trotzdem geht die Artenvielfalt in vielen Bereichen weiter zurück.

Wo bleibt denn da eigentlich die ehrliche Bilanz dieser Naturschutzpolitik? Wo sind die großen Erfolge, mit denen man diesen selbstgerechten Ton gegenüber der ländlichen Bevölkerung rechtfertigt?

Weidetiere fördern artenreiche Kulturlandschaften

Wer sich ernsthaft mit Biodiversität beschäftigt, weiß, welchen unschätzbaren Wert unsere Weidetiere und die extensive Beweidung für artenreiche Kulturlandschaften haben. Genau diese Tierhaltung wird aber durch den Wolf zunehmend erschwert.

Da frage ich mich schon, ob manche Funktionäre überhaupt noch unterscheiden können zwischen echtem, praktischem Naturschutz und dem Festhalten an einem politisch aufgeladenen Symboltier.

Akzeptanz kann man nicht verordnen

Besonders bemerkenswert finde ich die Aussage im Artikel, dass der NABU dem Wolf positiv gegenübersteht. Das darf er selbstverständlich. Aber daraus lässt sich kein Anspruch ableiten, dass die gesamte Landbevölkerung diese Haltung gefälligst zu übernehmen hat.

Akzeptanz kann man nicht verordnen. Und die Sorgen der Menschen verschwinden nicht dadurch, dass man sie mit schönen Worten über die Rückkehr der Natur übergeht.

Naturschutz für Mensch UND Natur?

Vielleicht sollten sich der NABU und andere Naturschutzorganisationen endlich einmal selbstkritisch fragen, ob sie noch Naturschutz für Mensch und Natur betreiben oder ob sie mittlerweile hauptsächlich ihre eigenen Vorstellungen gegen die Menschen vor Ort durchsetzen wollen.

Denn eines sollte klar sein: Die Menschen auf dem Land sind nicht die Statisten in irgendeinem Naturschutzprojekt. Sie leben hier, sie arbeiten hier, sie pflegen diese Landschaft seit Generationen. Und sie haben ein verdammtes Recht darauf, dass ihre Sorgen und Interessen genauso ernst genommen werden wie der Schutz des Wolfes.

Naturschutz und betriebswirtschaftliche Rentabilität im Einklang

Wer das nicht begreift, braucht sich über den zunehmenden Widerstand gegen den Wolf und gegen die Naturschutzverbände nicht zu wundern.

Und wenn wir schon über Naturschutz, öffentliche Gelder und die angeblichen Erfolge dieser Politik reden, dann sollten wir uns vielleicht auch einmal die betriebswirtschaftliche Realität der Mutterkuhhaltung anschauen.

Denn genau dort zeigt sich ein Widerspruch, über den meiner Meinung nach viel zu wenig gesprochen wird.

Mutterkuhhaltung ist konkrete Leistung für die Allgemeinheit

Unsere Mutterkuhhalter und andere Weidetierhalter bewirtschaften Flächen, die häufig weder intensiv noch wirtschaftlich besonders attraktiv zu nutzen sind. Sie erhalten Grünland, pflegen unsere Kulturlandschaft und leisten durch angepasste Beweidung einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt.

Das sind ganz konkrete Leistungen für die Allgemeinheit, die sich auf der Einnahmenseite der Betriebe häufig nicht ausreichend widerspiegeln.

Herdenschutz kostet viel Geld

Wer einmal eine ehrliche Vollkostenrechnung für die Mutterkuhhaltung aufmacht und dabei auch die eigene Arbeitszeit, Futtergewinnung, Maschinen, Flächen, Gebäude und das eingesetzte Kapital berücksichtigt, erkennt schnell, unter welchem wirtschaftlichen Druck viele dieser Betriebe stehen.

Und jetzt kommen zusätzlich noch die Belastungen durch den Wolf hinzu: Herdenschutz, zusätzliche Kontrollen, höhere Kosten und weitere wirtschaftliche Risiken.

Wieviel kostet der Erhalt der Kulturlandschaft?

Wir erwarten also von diesen Menschen, dass sie unsere Kulturlandschaft erhalten, Lebensräume pflegen und Biodiversität fördern. Aber was ist uns diese gesellschaftliche Leistung eigentlich wert?

Auf der einen Seite fließen erhebliche öffentliche Mittel in Naturschutzmaßnahmen und Wolfsmanagement. Auf der anderen Seite müssen viele Weidetierhalter darum kämpfen, dass ihre Arbeit überhaupt wirtschaftlich tragfähig bleibt.

Da stellt sich für mich eine ganz entscheidende Frage:

Warum diskutieren wir so intensiv darüber, was uns der Schutz des Wolfes wert ist, aber so wenig darüber, was uns der Erhalt der Weidetierhaltung wert sein müsste?

Vielleicht sollte der NABU einmal eine ehrliche Rechnung aufmachen, welche Leistungen Mutterkuhhalter und andere Weidetierhalter für unsere Natur erbringen, welche Kosten ihnen dadurch entstehen und wie diese Leistungen tatsächlich honoriert werden.

Naturschutz geht nicht zum Nulltarif

Denn eines ist doch klar: Wenn diese Betriebe irgendwann aufgeben, verschwinden nicht nur Tiere von den Weiden. Dann steht auf vielen Flächen auch die bisherige Form der Landschaftspflege infrage.

Naturschutz kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn diejenigen, die ihn täglich praktisch umsetzen, wirtschaftlich auf der Strecke bleiben.

Und genau daran sollte sich eine verantwortungsvolle Naturschutzpolitik ebenfalls messen lassen.