Mitgliederversammlung | 13. Februar 2026

Tierhaltung in klimatischer Gunstregion hat Zukunft

Die Vortragenden beim WLV-Kreisverbandstag in Ahaus (v.l.): Landrat Dr. Kai Zwicker, WLV-Kreisgeschäftsführer Jörg Sümpelmann, Bürgermeisterin Karola Voß, Hauptreferent Dr. Dirk Köckler (Agravis), Moderator Patrick Liste (Wochenblatt), WLV-Kreisverbandsvorsitzender Markus Weiß, Anke Osterholt und Alexander Grösbrink. Foto: Stephan Wolfert, WLV
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Agravis-Vorstand Dr. Dirk Köckler macht 230 Anwesenden beim Kreisverbandstag Mut / Stehender Applaus für den scheidenden Kreisgeschäftsführer Jörg Sümpelmann

Die Tierhaltung im Münsterland bringt gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft mit. Aber dafür braucht es neben unternehmerischem Mut und Begeisterung vor allen Dingen auch mehr Verlässlichkeit bei den Rahmenbedingungen. So lauten die zentralen Botschaften am Mittwochabend beim Kreisverbandstag des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV). Dazu sind 230 Mitglieder sowie Gäste aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft nach Ahaus in die Stadthalle im Kulturquadrat gekommen. Den Hauptvortrag hält dabei mit Dr. Dirk Köckler der Vorstandsvorsitzende eines der größten Agrarkonzerne Deutschlands, der Agravis Raiffeisen AG aus Münster. Als Schlüssel für eine erfolgreiche Landwirtschaft in der Region und damit auch für den eigenen Konzern sieht Köckler weiterhin die Tierhaltung. Das Münsterland sieht er als „Silicon Valley“ der Branche: „Wir haben gerade hier Strukturen, die kurze Wege ermöglichen.“ Dem Standortnachteil hoher Pachtpreise stünden positive Faktoren wie ausgeprägtes Knowhow und Unternehmergeist gegenüber: „Wenn anderswo noch überlegt wird, hat man in Borken schon gebaut.“ Dies sei allerdings kein Selbstläufer, wie der ausgebildete Landwirt und Agrarwissenschaftler in seiner Sammlung wichtiger Handlungsfelder herausstellt. Beim Thema Nachhaltigkeit komme es darauf an, soziale Erfolgsfaktoren mit Ökonomie und Ökologie zusammen zu denken: „Ohne Effizienz ist alles nix. Dies gilt sowohl für die Wertschöpfung pro Hektar. Diese Effizienz können wir als Landwirtschaft aber auch auf anderen gesellschaftlichen Feldern leisten, etwa durch Biodiversitätsoptimierung mit gezielten Maßnahmen.“ Köckler sieht die Zukunftsfähigkeit der Lebensmittelproduktion in einer klimatischen Gunstregion wie Deutschland positiv: „Unser Geschäftsmodell funktioniert und wird gebraucht. Wir sind systemrelevant.“

Genauso diesen Punkt greifen in der Eingangstalkrunde zu den Themen des ländlichen Raums die Ahauser Bürgermeisterin, Karola Voß, und Landrat Dr. Kai Zwicker immer wieder auf. Gerade auch bei der Energiewende loben beide den regionalen Ansatz, dass die hiesigen Wind- und PV-Projekte überwiegend von örtlichen Bauernfamilien und Investoren getragen werden. Der Forderung der Landwirte nach Bürokratieabbau kann Voß nur beipflichten: „Als Stadt sind wir da natürlich häufig in der Rolle, Vorgaben erfüllen zu müssen. Dennoch sehe ich, dass wir in Deutschland das Thema Eigenverantwortung ein Stück weit aus dem Blick verloren haben. Das ist manchmal schwer zu ertragen.“ Beim Thema Landnutzung sieht Zwicker Interessenkonflikte und Flächenkonkurrenzen als unumgänglich an: „Aber es geht um die Entwicklung der Region insgesamt. Wichtig ist, dass das im Dialog mit der Landwirtschaft passiert.“ Unter dem Strich sei es in den letzten Jahren gelungen, den jährlichen Umfang der Umwidmung landwirtschaftlicher Nutzflächen zu verringern.

Für andere Zwecke genutzt werden die Flächen der Landwirte im Kreis zunehmend auch für den Energieleitungsbau, stellt Kreisgeschäftsführer Jörg Sümpelmann in seinem Bericht über die aktuellen Schwerpunkte der Kreisgeschäftsstellenarbeit heraus. Der Bauernverband werde das weiter konstruktiv, aber auch kritisch begleiten. Enorme Anstrengungen habe die berufsständische Vertretung in den letzten Monaten in den Umgang mit Tierseuchen wie dem Rinderherpes-Virus (BHV1) oder der Afrikanischen Schweinepest investieren müssen. Entscheidend für Vorbeugung und die Bewältigung von Seuchenfällen sei dabei das Thema Biosicherheit auf den landwirtschaftlichen Betrieben: „Indem wir da unsere Hausaufgaben machen, können wir es im Seuchenfall Behörden und Wirtschaftspartnern erleichtern, weniger Restriktionen auszusprechen. Dazu sind die von der Kreisveterinärbehörde angebotenen Biosicherheitschecks der richtige Weg.“

Als eindeutig falschen Weg bezeichnet Kreisverbandsvorsitzender Markus Weiß in seinem agrarpolitischen Statement das von Bundeslandwirtschafsminister Alois Rainer im Herbst verkündete Ende des Bundesprogramms zum Umbau der Tierhaltung: „Das war ein Schlag ins Gesicht. Wenn sich Landwirte da auf den Weg für Millioneninvestitionen machen, braucht es Zeit und Verlässlichkeit.“ Jetzt benötigen die Tierhalter mehr als nur Lippenbekenntnisse: „Es muss zwingend ein neues Förderprogramm geben, wenn die Mehrkosten an der Ladentheke nicht aufgefangen werden.“ Im Umkehrschluss fordert der Schweinehalter aus Borken ein Umdenken bei den Fristen zum Umbau der Tierhaltung, allen voran bei den Sauen: „Wenn ich vorne planerische Grundlagen für Investitionen wegnehme, muss ich auf der anderen Seite auch die Umsetzungsfristen für geforderte Stallumbauten zurücknehmen!“ Hierfür gibt es großen Applaus im Publikum genauso wie für seinen Appell an den Berufsstand, den Schwung der Bauernproteste im Herzen zu behalten: „Aber eine gute Aktion reicht noch nicht für eine gute Interessenvertretung. Das muss im Alltag weitergehen, sei es im Einzelgespräch mit politischen Vertretern, mit Ständen auf Stadtfesten oder in der Schule als Bauernhof-Botschafter.“

Um einen Appell an Handel und Politik geht es auch in der Talkrunde zum einzelbetrieblichen Blick auf Marktchancen und Risiken. Anke Osterholt aus Südlohn absolviert aktuell ihre Weiterbildung zur staatlich geprüften Agrarbetriebswirtin an der Fachschule für Agrarwirtschaft in Borken. Sie sei mit Leib und Seele Landwirtin und auch überzeugt von den Marktchancen der Kälberhaltung auf dem elterlichen Hof in Südlohn. Ob sie diesen weiterführen oder so wie aktuell schon als Arbeitnehmerin tätig bleiben wolle, stehe für sie noch nicht fest. Als entscheidend für eine gute Zukunftsperspektive auch als Betriebsleiterin nennt die 22-Jährige unter anderem eine gute gesellschaftliche Akzeptanz, mehr Vertrauen und angepasste Vorgaben und Kontrollen: „Wichtig sind mir aber auch mehr Unterstützung bei Mutterschutz und Elternzeit.“

Auf den stetigen Wandel bei Verbraucherwartungen und politischen Vorgaben hat Alexander Grösbrink aus Gescher mit der „Flucht“ nach vorne reagiert. Der Schweinehalter hat auf seinem Familienbetrieb in Gescher-Hochmoor kräftig investiert und zusammen mit verschiedenen Partnerunternehmen Pionierarbeit geleistet. In dem 2021 fertig gestellten Stall mit lichtdurchlässigem Dach, besonderem Lüftungssystem und Strohkonzept laufen Schweine der Rasse Duroc: „Der Verbraucher wünscht sich Schweine auf Stroh und das haben wir hier zukunftsgerichtet umgesetzt.“ Die Vermarktung des unter Kennern für seine Saftigkeit geschätzten Duroc-Fleisches läuft über regionale Schlachter und Metzger. Aber auch Grösbrink macht die fehlende Planungssicherheit immer wieder zu schaffen: „Aufgrund geänderter Richtlinien sind wir immer wieder gezwungen, zu investieren, so wie jetzt in einen Anbau mit Außenklimareiz, um die Vorgaben für höhere Haltungsstufen zu erfüllen.“

Der Chefredakteur des „Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben“, Patrick Liste, der souverän durch Wortbeiträge moderiert, fasst das Gehörte zusammen: „Die Agrarmärkte sind volatil und werden es bleiben. Den einen Weg für alle gibt es immer seltener. Es kommt darauf an, Chancen zu erkennen und zu ergreifen. Die Leidenschaft und Freude, die wir auch hier heute Abend gespürt haben, macht da Mut.“

Für Leidenschaft und Freude stand 33 Jahre lang auch Jörg Sümpelmann als Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes. Mit stehendem Applaus verabschieden die Anwesenden den Juristen, der im März in Rente geht: „Wir haben das Feld bestellt. So einen Job wie euren kann man nicht ohne Leidenschaft machen und das war mir für meinen auch immer wichtig. Es war eine fantastische Zeit, ich habe sehr viel erlebt mit euch zusammen. Vielen Dank dafür!“

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Kreisverbandstag in Ahaus mit Dr. Dirk Köckler