Weiß: "Das war ein Schlag ins Gesicht!"
Kreisverbandsvorsitzender fordert Nachfolgeregelung für gekipptes Bundesprogramm / Landwirte auf dem Podium berichten von Chancen und Risiken der Entwicklung
Als eindeutig falschen Weg bezeichnet Kreisverbandsvorsitzender Markus Weiß in seinem agrarpolitischen Statement beim Kreisverbandstag in Ahaus das von Bundeslandwirtschafsminister Alois Rainer im Herbst verkündete Ende des Bundesprogramms zum Umbau der Tierhaltung: „Das war ein Schlag ins Gesicht. Wenn sich Landwirte da auf den Weg für Millioneninvestitionen machen, braucht es Zeit und Verlässlichkeit.“ Jetzt benötigen die Tierhalter mehr als nur Lippenbekenntnisse: „Es muss zwingend ein neues Förderprogramm geben, wenn die Mehrkosten an der Ladentheke nicht aufgefangen werden.“ Im Umkehrschluss fordert der Schweinehalter aus Borken ein Umdenken bei den Fristen zum Umbau der Tierhaltung, allen voran bei den Sauen: „Wenn ich vorne planerische Grundlagen für Investitionen wegnehme, muss ich auf der anderen Seite auch die Umsetzungsfristen für geforderte Stallumbauten zurücknehmen!“ Hierfür gibt es großen Applaus im Publikum genauso wie für seinen Appell an den Berufsstand, den Schwung der Bauernproteste im Herzen zu behalten: „Aber eine gute Aktion reicht noch nicht für eine gute Interessenvertretung. Das muss im Alltag weitergehen, sei es im Einzelgespräch mit politischen Vertretern, mit Ständen auf Stadtfesten oder in der Schule als Bauernhof-Botschafter.“
Um einen Appell an Handel und Politik geht es auch in der Talkrunde zum einzelbetrieblichen Blick auf Marktchancen und Risiken. Anke Osterholt aus Südlohn absolviert aktuell ihre Weiterbildung zur staatlich geprüften Agrarbetriebswirtin an der Fachschule für Agrarwirtschaft in Borken. Sie sei mit Leib und Seele Landwirtin und auch überzeugt von den Marktchancen der Kälberhaltung auf dem elterlichen Hof in Südlohn. Ob sie diesen weiterführen oder so wie aktuell schon als Arbeitnehmerin tätig bleiben wolle, stehe für sie noch nicht fest. Als entscheidend für eine gute Zukunftsperspektive auch als Betriebsleiterin nennt die 22-Jährige unter anderem eine gute gesellschaftliche Akzeptanz, mehr Vertrauen und angepasste Vorgaben und Kontrollen: „Wichtig sind mir aber auch mehr Unterstützung bei Mutterschutz und Elternzeit.“
Auf den stetigen Wandel bei Verbraucherwartungen und politischen Vorgaben hat Alexander Grösbrink aus Gescher mit der „Flucht“ nach vorne reagiert. Der Schweinehalter hat auf seinem Familienbetrieb in Gescher-Hochmoor kräftig investiert und zusammen mit verschiedenen Partnerunternehmen Pionierarbeit geleistet. In dem 2021 fertig gestellten Stall mit lichtdurchlässigem Dach, besonderem Lüftungssystem und Strohkonzept laufen Schweine der Rasse Duroc: „Der Verbraucher wünscht sich Schweine auf Stroh und das haben wir hier zukunftsgerichtet umgesetzt.“ Die Vermarktung des unter Kennern für seine Saftigkeit geschätzten Duroc-Fleisches läuft über regionale Schlachter und Metzger. Aber auch Grösbrink macht die fehlende Planungssicherheit immer wieder zu schaffen: „Aufgrund geänderter Richtlinien sind wir immer wieder gezwungen, zu investieren, so wie jetzt in einen Anbau mit Außenklimareiz, um die Vorgaben für höhere Haltungsstufen zu erfüllen.“
Der Chefredakteur des „Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben“, Patrick Liste, der souverän durch Wortbeiträge moderiert, fasst das Gehörte zusammen: „Die Agrarmärkte sind volatil und werden es bleiben. Den einen Weg für alle gibt es immer seltener. Es kommt darauf an, Chancen zu erkennen und zu ergreifen. Die Leidenschaft und Freude, die wir auch hier heute Abend gespürt haben, macht da Mut.“