Weichenstellung in Tierhaltung und Düngerecht dringend notwendig

Beringmeier: „Aufhebung der Förderung für Stallumbauten nimmt Betrieben jegliche Perspektive!“
Münster <wlv> Der Havichhorster Presseabend macht für den Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) den Auftakt ins neue Jahr. Das Format bietet alljährlich Gelegenheit, die landwirtschaftlichen Schwerpunktthemen und Verbands-Anliegen vorzustellen. Der Austausch mit Medienschaffenden steht im Fokus. Nach Einschätzung von Verbandspräsident Hubertus Beringmeier prägt die Landwirtschaft in Westfalen-Lippe die Region wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturlandschaftlich und schafft mit rund 23.000 landwirtschaftlichen Familienbetrieben Versorgung, Arbeitsplätze und Wertschöpfung. „Unser Ziel ist der Erhalt und die Stärkung jedes einzelnen Betriebes. Daher ist die Politik unser erster Ansprechpartner, wenn wir über verlässliche Rahmenbedingungen und Programme für die Landwirtinnen und Landwirte sprechen. Ein besonderer Fokus unsererseits liegt zum einen auf der Bundespolitik. Nicht zuletzt durch die anstehende Landtagswahl in NRW 2027 nehmen wir auch die Landesebene nochmal ganz besonders in den Blick“, hob Hubertus Beringmeier beim Havichhorster Presseabend in Münster hervor.
Politisches Umfeld: Gute Drähte in die Bundespolitik, aber weiterhin auch Juckepunkte
Insgesamt bestehe ein enger Austausch auf Ebene der Bundespolitik, zu Kanzler Merz gebe es außerdem gute Drähte. „Nach einem Jahr Bundesregierung bewerten wir einige Entscheidungen ausdrücklich positiv – etwa die Agrardiesel-Rückerstattung ab 2026, die Aufhebung der Stoffstrombilanzverordnung, Entlastungen im Rahmen des Energie- und Stromsteuergesetzes sowie gelockerte Schwarzbrache-Regeln zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade im Ackerbau“, so Beringmeier.
Gleichzeitig gibt es nach Einschätzung des Verbandes aber weiterhin „große Juckepunkte“, die das Gros der landwirtschaftlichen Betriebe betreffen. Beringmeier hob besonders die Tierhaltung hervor: „Die Aufhebung der Förderung für Stallumbauten nimmt unseren Betrieben mit Tierhaltung jegliche Perspektive. Es braucht ein tragfähiges Programm, das unsere Tierhalter zur Weiterentwicklung ihrer Betriebe ermutigt und auf diese Weise Investitionen in Tierwohl-Stallumbauten langfristig begünstigt. Weiterhin werden wir nicht müde, auf dringend notwendige Erleichterungen im Bau- und Umweltrecht hinzuwirken. Dann erst wären Tierwohl-Umbauten ohne Bestandserweiterung überhaupt genehmigungsfähig.“
Da bereits aktuell die Beratungen zur Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für den Zeitraum 2028 bis 2034 laufen, unterstreicht der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband seine Forderungen, insbesondere: Erhalt der Mittel und eine verbesserte, flächendeckende Förderung von jungen Landwirten sowie eine praktikable und profitable Gestaltung von Agrarumweltmaßnahmen.
Mit Blick auf NRW erwartet der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband vor der Landtagswahl eine agrarpolitische Weichenstellung für landwirtschaftliche Familienbetriebe. Demnach müssen die Themen Wettbewerbsfähigkeit, Zukunft der Tierhaltung und ländlicher Räume, Ressourcenschutz und Nachhaltigkeit im Ackerbau, Erneuerbare Energien und Waldbewirtschaftung sowie Bürokratieabbau im Vordergrund der politischen Bemühungen um Wählerstimmen stehen.
Volatile Marktlage: Schweinepreis „im freien Fall“
Anders als in den vergangenen zwei Jahren zeigt sich die derzeitige Preislage an den Agrarmärkten volatil und für die Erzeuger teilweise sehr unbefriedigend. Während sich das Rindfleisch weiterhin auf sehr gutem Niveau hält, stellt sich die Situation insbesondere bei Schweinefleisch, aber auch auf dem Milchmarkt, gegenteilig dar.
Die derzeitige Preislage an den Agrarmärkten wertet der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband daher als äußerst volatil und teilweise sehr unbefriedigend und besorgniserregend. Der Schweinepreis ist seit der neuerlichen Absenkung um 15 Cent pro Kilogramm Schlachtgewicht (somit jetzt 1,45 Euro/kg Schlachtgewicht) jedoch „im freien Fall“. Hubertus Beringmeier wird deutlich: „Der dramatische Einbruch der Schweinepreise ist inakzeptabel und ungerechtfertigt. Die Schlachtbranche muss umgehend einlenken, um die Existenz der heimischen Schweinehaltung nicht weiter zu gefährden. Am Ende wird die Schlachtbranche die Konsequenzen selbst zu spüren bekommen.“
Das Preisniveau auf dem Milchmarkt ist ebenfalls rückläufig und führt in der Milchviehhaltung zu Verunsicherung. Auf dem Ökomarkt ist die Nachfrage zwar deutlich gewachsen, allerdings ist die Umstellungsbereitschaft verhalten und der Flächenzuwachs weiterhin stagnierend.
Weiterentwicklung der Tierhaltung und Seuchengeschehen
„2025 war ein tierseuchenintensives Jahr, davon zeugen nicht zuletzt auch die Schadensmeldungen der Versicherer im Vergleich zu den Vorjahren“, berichtete WLV-Vizepräsident Michael Uckelmann mit Blick auf die Afrikanische Schweinepest, Aviäre Influenza (Vogelgrippe), Blauzungenkrankheit, BHV-1-Virus und Maul- und Klauenseuche. Die Globalisierung mit weltweitem Handelsgeschehen, sowie höhere Temperaturen infolge des Klimawandels, begünstigen demnach neue Tierseuchen in Europa. „Für uns Tierhalter steht der Schutz unserer Tiere klar im Vordergrund. Durch die strikte Einhaltung der Biosicherheitsmaßnahmen versuchen wir, Eintragungen in die Betriebe zu verhindern.
Das Thema Impfung muss insbesondere mit Blick auf Vogelgrippe und Blauzungenkrankheit stärker diskutiert werden. Bei der Afrikanischen Schweinepest kann jeder einzelne durch umsichtiges Verhalten dazu beitragen, das Seuchengeschehen einzudämmen. Unverzichtbar ist für uns die Arbeit der Wildtierseuchen-Vorsorgegesellschaft (WSVG), die bereits seit Monaten und auf unbestimmte Zeit in den betroffenen Kreisen um Olpe die Bergung von Tierkadavern vornimmt. Durch die Errichtung von Schutzzäunen trägt die WSVG maßgeblich dazu bei, dass sich die Krankheit nicht weiter in den Wildschweinbeständen ausbreitet“, gab Michael Uckelmann einen Überblick zum Seuchengeschehen.
Hinsichtlich der Weiterentwicklung der Tierhaltung steht nach Einschätzung von Uckelmann das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz (TierHaltKennzG) besonders im Fokus. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband sieht das Gesetz als wichtigen Schritt für Transparenz in Haltungsformen, fordert aber eine Ausweitung auf weitere Tierarten (Rind, Geflügel) und Vertriebswege (Supermärkte, Online-Handel, Bedientheken). „Das Gesetz braucht eine praxistaugliche Umsetzung, die auch Downgrading-Möglichkeiten für den Handel erlaubt, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden und die Vermarktung zu erleichtern. Das staatliche Logo verstehe ich als Ergänzung, aber es bietet keine alleinige Lösung, denn es bedarf auch der Notwendigkeit, Tierwohl und Emissionsschutz miteinander in Einklang zu bringen“, so Uckelmann.
Den plötzlichen Stopp des Bundesprogramms „Umbau der Tierhaltung“ (BUT) wegen zu geringer Nachfrage wertete Uckelmann als „Schlag ins Gesicht“ für die Veredelungsbranche. Demnach ist die Überführung des Programms in die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) fraglich und bisher wenig konkret. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband führt deshalb intensive Gespräche auf Landes- und Bundesebene, um ein langfristiges Förder- und Finanzierungsprogramm für die tierhaltenden Betriebe zu gewährleisten.
Dauerthema Düngung: Prinzipien Verursachergerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit müssen gestärkt werden
Beim Dauerthema Düngung verpflichten zwei aktuelle Urteile des Bundesverwaltungsgerichts den Bund zur Überarbeitung des Düngerechts. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband drängt in diesem Zuge darauf, die Landesdüngeverordnung aufzuheben und künftig die Prinzipien Verursachergerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit im Düngerecht zu stärken. „Die Bundesregierung ist dringend gefordert, gemeinsam mit der Europäischen Kommission ein rechtssicheres und praxistaugliches System zur einzelbetrieblichen Maßnahmendifferenzierung zu entwickeln. Landwirtschaftliche Betriebe, die verantwortungsbewusst und gewässerschonend arbeiten, dürfen nicht unter pauschalen Auflagen leiden. Wir müssen dringend weg von der bisherigen Kalender-Landwirtschaft mit starren Fristen und Auflagen, die den örtlichen Gegebenheiten keinesfalls gerecht werden“, unterstrich Vizepräsident Henner Braach, selbst Landwirt aus Südwestfalen, die Verbandssicht.
Schutzmaßnahmen vor dem Wolf
Zum Thema Wolf stellte Braach die Sorgen der Weidetierhalter heraus. Der Verband fordert zum Schutz von Weidetieren bereits seit Jahren Möglichkeiten zur Wolfsregulierung. Nachdem im vergangenen Jahr der Schutzstatus herabgesetzt wurde und Deutschlang den „günstigen Erhaltungszustand“ des Wolfs an die EU-Kommission gemeldet hat, hat sich kürzlich das Bundeskabinett für die Überführung des Wolfes in das Bundesjagdgesetz ausgesprochen. Weiterer Nachbesserungsbedarf besteht bei einer verbindlichen Entnahmequote sowie der Ausweitung der Definition von Weidegebieten. „Für uns steht der Schutz der Tiere im Vordergrund, nicht die Entschädigung bei Wolfsrissen. Herdenschutzmaßnahmen sind nur bedingt erfolgversprechend. Wichtig und dringend erforderlich ist für uns die Übernahme von Unterhaltungskosten für Herdenschutzmaßnahmen“, sagte Henner Braach am Montag auf Gut Havichhorst.
Zuversicht und Zukunftsperspektiven im neuen Jahr
Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband ist Unterstützer des Projektes „Zuversicht“, das auf Grundlage einer repräsentativen Studie von Initiative 18, UseTheNews und der Markforschungsagentur rheingold salon im vergangenen Jahr entstanden ist. Unterstützer des Projektes sind namhafte Verbände, Medienhäuser und Unternehmen. Ziel ist es, die Menschen gemeinsam mit Medien, Wirtschaft und Politik wieder für Aufbruch, Optimismus und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewinnen.
„In gemeinschaftlichen Strukturen und im Verbund gelingt es, moderne Herausforderungen zu meistern, Veränderungen zu begegnen und neue Wege des Miteinanders zu schaffen, die den Menschen vor Ort einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft bieten. Im ländlichen Raum sind es oftmals Bauernfamilien, die sich umfangreich in Vereinen und Strukturen engagieren. Deshalb wissen wir um die Bedeutung von entsprechenden Strukturen für das Allgemeinwohl, ein friedliches Miteinander und die Stärkung demokratischer Strukturen und unterstützen das Projekt Zuversicht daher mit großer Überzeugung“, erläuterte Henner Braach. Aktuell finden Workshops statt, in denen das Projekt weiterentwickelt wird: Bundesweit tauschen sich rund 150 Vertreter aus allen gesellschaftlichen Schichten (Azubis, Wohnungsbaugesellschaften, Juristen usw.) aus und entwickeln Ideen, wie der Ansatz des Projektes in die Gesellschaft getragen werden kann. Auch vier junge landwirtschaftliche Vertreter aus Westfalen-Lippe sind in die Workshops eingebunden. Das Projekt habe Potential, auch in schwierigen Zeiten Zuversicht und Zukunftsperspektiven zu verbreiten.